01.09.2026 Im nach außen kommunizierten Fokus der Reise von Außenminister Wadephul in die nordafrikanischen Staaten Algerien, Tunesien und Marokko standen wirtschaftliche Interessen. Doch bestimmt wurde auch eine Verbesserung der Türsteherrolle angesprochen, die seitens der EU und Deutschlands zur weiteren Abschottung gewünscht wird. Ausschnitte der Berichterstattung zur Bewertung der Reise sowie eines Interviews mit einer kritischen Migrationsforscherin (alle unten).
Wenige Wochen nach dem Massenansturm von Migranten auf Ceuta steht die Migration über die Mittelmeerroute weiter im Fokus. Ein Thema, um das Außenminister Wadephul bei seinem Besuch in Nordafrika nicht herumkommt. (Tagesschau)
Der CDU-Politiker sagte zum Auftakt seines Besuchs in Tunis, mit Tunesien und Algerien teile man zentrale wirtschaftliche und sicherheitspolitische Anliegen. So müssten etwa die Ursachen von Migration aus den afrikanischen Sahel-Ländern gemeinsam bekämpft werden. Dazu gehöre eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation vor Ort, außerdem müsse Schleuserbanden das Handwerk gelegt werden. (DLF)
"Das Migrationsabkommen, das die Europäische Union 2023 mit Tunesien abgeschlossen hat, steht maßgeblich dafür, wie Tunesien mit der irregulären Migration umgeht. Tunesische Sicherheitskräfte und die Küstenwache werden dazu abgestellt, Migrantinnen und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern von der Überfahrt nach Italien abzuhalten. Wir wissen mittlerweile aufgrund von investigativen Recherchen und NGOs vor Ort, dass dies auch durch Einsatz von Gewalt passiert und dass jene Migranten, die von der Überfahrt abgehalten werden, mitunter auch in der Wüste ohne Wasser und ohne Nahrung ausgesetzt werden. Es kam auch schon zu zahlreichen Toten - unter ihnen Frauen mit kleinen Kindern. Das passiert nicht nur mit Legitimation der EU, sondern tatsächlich auch finanziert von der EU..." (Migrationsforscherin Kohlenberger im Interview mit tagesschau24)
Die Maghreb-Staaten sind vorrangig Transitländer für die Migration aus Subsahara-Afrika und Asien. Gleichzeitig streben viele vor allem jüngere Menschen dieser Staaten nach dem Entkommen aus Arbeits- und Perspektivlosigkeitlosigkeit.
Zur Erinnerung: Um die Migration aussichtslos zu machen, bemühte sich Deutschland schon seit 2019 darum, diese Staaten trotz massiver Probleme mit Gewalt, Diskrimierung und mangelnder Demokratie zu "sicheren Herkunftsländern" zu erklären. (Alle drei jetzt besuchten Maghreb-Staaten sollten bereits durch Beschluss des Deutschen Bundestags am 18. Januar 2019 "als asylrechtlich sichere Herkunftsstaaten" eingestuft werden (Bundestag), das scheiterte damals an der fehlenden Zustimmung des Bundesrates. / Laut Koalitionsvertrag vom 9. April 2025 sollen Marokko, Algerien, Tunesien und Indien als sicher eingestuft werden. Seit 2026 kann die Bundesregierung per Rechtsverordnung Staaten als sicher einstufen. Bislang konnten „sichere Herkunftsstaaten” ausschließlich per Gesetz und unter Mitbestimmung des Bundesrats bestimmt werden. (Mediendienst Migration) / Am Dienstag, 10. Februar 2026, hat das EU-Parlament eine neue EU-weite Liste mit „sicheren Herkunftsstaaten“ gebilligt. Die Mehrheit dafür kam mal wieder durch eine gemeinsame Abstimmung der Konservativen und Liberalen mit den Rechtsextremist*innen zustande – gegen die überwiegenden Voten von Sozialdemokrat*innen, Grünen und Linken. Diese neue Liste muss nun noch vom EU-Rat bestätigt werden, was aber nur eine Formsache sein dürfte. Es ist davon auszugehen, dass die Liste mit Inkrafttreten der GEAS-Reform aktiv sein wird. Nach der EU-Liste werden zusätzlich zu den in Deutschland bereits auf den Listen nach §29a und b AsylG stehenden „sicheren Herkunftsstaaten“ folgende Staaten hinzukommen: Bangladesch, Kolumbien, Ägypten, Indien, Marokko, Türkei und Tunesien. (GGUA)
- taz 01.09.2026 Kommentar von Mirco Keilberth Wadephul in Tunesien und Algerien Ein Plan fehlt
Im Maghreb herrscht kalter Krieg. Wer in diesem Minenfeld verlässliche Partner sucht, muss mehr investieren als eine Stippvisite.
... Beide Kurzvisiten waren von geradezu harmonischer Atmosphäre geprägt. Die ist auch nötig, hatte man doch aufseiten der Gastgeberländer den Glauben an den Westen als verlässlichen Partner verloren. Nun will Saied von Deutschland ein verbessertes Antimigrationsabkommen, also mehr Geld im Gegenzug für das Stoppen von Migranten...
- Tagesschau 01.09.2026 von Demian von Osten Wadephul in Nordafrika Deutschlands Gratwanderung im Maghreb
Wenige Wochen nach dem Massenansturm von Migranten auf Ceuta steht die Migration über die Mittelmeerroute weiter im Fokus. Ein Thema, um das Außenminister Wadephul bei seinem Besuch in Nordafrika nicht herumkommt. ...
Wadephul fordert "Sicherheitspartnerschaft" mit Nordafrika
Im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio stellt Wadephul gegenüber den nordafrikanischen Staaten Forderungen auf. "Ich erwarte, dass sie nicht einfach Menschen durchschleusen, wie das früher geschehen ist", sagt der Außenminister.
"Ich erwarte, dass sie bereit sind, mit uns eine Sicherheitspartnerschaft einzugehen, dass Menschenrechte gewahrt werden, dass das alles im Rahmen internationalen Rechts geschieht." Er schiebt das Problem auf Schleuserbanden, "die dafür sorgen, dass es solche menschlichen Tragödien gibt".
... Insbesondere Tunesien gilt als ein Staat, der sich in eine immer autoritärere Richtung entwickelt. Dennoch traf Außenminister Wadephul auch den umstrittenen Staatspräsidenten Kais Saied. Ist das der richtige Weg, irreguläre Migration zu bekämpfen? "Wenn die Menschen nicht fliehen müssen, dann müssen sie nicht fliehen", ist die Antwort des deutschen Außenministers.
... Es ist eine Gratwanderung, die Wadephul vollzieht. Denn Deutschland ist bei der Migration gespalten. Die Deutschen wünschen sich Migrationsbegrenzung, aber auch Menschlichkeit. Beides einzulösen, das erscheint im Maghreb wie eine unlösbare Aufgabe...
- Tagesschau 31.08.2026 von Kirsten Gerhard Interview Migrationsabkommen mit Tunesien"Europa macht sich zunehmend abhängig"
2023 hat die EU ein Migrationsabkommen mit Tunesien abgeschlossen. Brüssel betrachtet es als Erfolg. Doch die Migrationsforscherin Kohlenberger sieht die Vereinbarung im Interview mit tagesschau24 kritisch.
Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien, wo sie zu Fluchtmigration, Integration und Zugehörigkeit forscht und lehrt. Audio
tagesschau24: Bundesaußenminister Johann Wadephul besucht heute Tunesien und will sich über die irreguläre Migration informieren. Wie wird das in Tunesien aktuell gehandhabt?
Judith Kohlenberger: Das Migrationsabkommen, das die Europäische Union 2023 mit Tunesien abgeschlossen hat, steht maßgeblich dafür, wie Tunesien mit der irregulären Migration umgeht. Tunesische Sicherheitskräfte und die Küstenwache werden dazu abgestellt, Migrantinnen und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern von der Überfahrt nach Italien abzuhalten.
Wir wissen mittlerweile aufgrund von investigativen Recherchen und NGOs vor Ort, dass dies auch durch Einsatz von Gewalt passiert und dass jene Migranten, die von der Überfahrt abgehalten werden, mitunter auch in der Wüste ohne Wasser und ohne Nahrung ausgesetzt werden. Es kam auch schon zu zahlreichen Toten - unter ihnen Frauen mit kleinen Kindern. Das passiert nicht nur mit Legitimation der EU, sondern tatsächlich auch finanziert von der EU.
"Zwar weniger Ankünfte in Europa, aber nicht weniger Tote"
tagesschau24: Festhalten muss man aber auch, dass die Zahlen der irregulären Migration gesunken sind. Würden Sie trotzdem von einem Erfolg sprechen?
Kohlenberger: Man muss diese gesunkenen Zahlen differenziert betrachten. Es ist richtig, dass die EU in den letzten zwei Jahren insgesamt viel weniger Asylankünfte auf dem Territorium zu verzeichnen hat. Aber die zentrale Mittelmeerroute, also Abfahrten von Tunesien oder Libyen nach Italien, zählt weiterhin zu den stärksten Migrationsrouten. Vor allem aber sind die Überfahrten an sich nicht drastisch gesunken.
So hat beispielsweise die Internationale Organisation für Migration nachgewiesen, dass der Jahresbeginn 2026 zu den tödlichsten Jahresstarts seit Aufzeichnungsbeginn zählte...
EU ist auf die nordafrikanischen Staaten angewiesen ...
NGOs ziehen verheerende Bilanz des EU-Abkommens ...
Migration bei Wadephuls Besuch nicht im Vordergrund ...
Bundesaußenminister Wadephul will gemeinsam mit Tunesien und Algerien versuchen, die Migration aus den afrikanischen Staaten zu verringern.
Der CDU-Politiker sagte zum Auftakt seines Besuchs in Tunis, mit Tunesien und Algerien teile man zentrale wirtschaftliche und sicherheitspolitische Anliegen. So müssten etwa die Ursachen von Migration aus den afrikanischen Sahel-Ländern gemeinsam bekämpft werden. Dazu gehöre eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation vor Ort, außerdem müsse Schleuserbanden das Handwerk gelegt werden. Wadephul hatte sich zuvor mit seinem tunesischen Amtskollegen Nafti getroffen.
Zur Bekämpfung der Schleuserkriminalität hatte die Europäische Union 2023 ein Kooperationsabkommen mit Tunesien geschlossen. Menschenrechtsgruppen werfen der EU vor, mit dem autoritär regierten Tunesien „schmutzige Geschäfte“ zu machen. Kritikern gehen die Vereinbarungen wiederum nicht weit genug...