Eskalation auf der Mittelmeerroute: Schüsse auf Seenotretter*innen - EU-Gelder für die Täter

19.05.2026 Die Lage im Mittelmeer eskaliert weiter. Zwar ist die Zahl der Migrant*innen, die über das Mittelmeer Europa erreichen, 2025 deutlich gesunken, vermutlich vor allem in Folge der Migrationsabkommen zwischen EU und "Türsteher-Staaten", um Flucht und Migration zu verhindern. Doch gleichzeitig ist und bleibt die Mittelmeerroute eine der gefährlichsten weltweit. Die IOM verzeichnete mit über 1200 Toten und Vermissten seit Anfang des Jahres die höchste Opferzahl seit 2014. Gewaltsame Angriffe auf Flüchtlingsboote werden gemeldet, und die zivile Seenotrettung wird auch mit Gewalt und Einsatz von Schüssen behindert. Solche Meldungen verzeichnen wir regelmäßig in den "Aktuellen Zitaten zum Geschehen auf Fluchtwegen"

Die Reaktionen auf den jüngsten Zwischenfall kurz vor dem Inkrafttreten von GEAS entsprechen der grundsätzlichen Kontroverse: "Aufgeben ist keine Option!", erklärt Sea-Watch im Newsletter. United4Rescue kündigt den Einsatz eines neuen Segelschiffes "Humanity2" an, das ab 20. Juni zwischen Tunesien und Lampedusa die tödliche Lücke auf der Fluchtroute schließen soll. Die EU dagegen "nimmt den Vorfall zur Kenntnis" und setzt die Finanzierung des libyschen "Grenzmanagements" fort, mit vermehrten Mitteln. Pikanterweise erfolgen "die bewaffneten Eskalationen immer dann, wenn sich hochrangige politische Vertreter gerade mit EU-Beauftragten zur Migrationsabwehr treffen" (aus Kommentar)Italien ermittelt strafrechtlich gegen die Seenotretter*innen. Die deutsche Regierung setzt sich nicht ein für das Schiff, das unter deutscher Flagge fährt. Das Innenministerium hat in Kenntnis des vermehrten Schusswaffeneinsatzes der libyschen Kräfte sogar eine besondere Warnung an die Rettungsschiffe unter deutscher Flagge herausgegeben. 

Mehr dazu in dem folgenden Bericht und anschließendem Kommentar in nd:

Nach libyschem Beschuss der »Sea-Watch 5« ermittelt nun Italien – aber gegen die Opfer des Angriffs. Brüssel will den Tätern 25 Millionen Euro geben.

Am Montag vergangener Woche schoss die sogenannte libysche Küstenwache im zentralen Mittelmeer auf die »Sea-Watch 5«. An jenem 11. Mai hatte die Besatzung des zivilen Rettungsschiffs 90 Migrant*innen in einem Schlauchboot aus Seenot geborgen. Ein sich näherndes libysches Patrouillenboot mit der Kennung »101« feuerte ohne Vorwarnung einen einzelnen Schuss, dann eine ganze Salve. Über Funk drohten die Bewaffneten, die deutsch beflaggte »Sea-Watch 5« mit den Geretteten an Bord nach Libyen zu zwingen.

Die Seenotretter*innen setzten einen Notruf ab und informierten die italienischen und die deutschen Behörden über den Beschuss. Letztere sollten eigentlich vorbereitet gewesen sein: Das Bundesinnenministerium hatte in den Tagen zuvor eine besondere Warnung an alle Rettungsschiffe unter deutscher Flagge herausgegeben. Darin wird wegen früherer Waffeneinsätze eine »Gefahrenstufe 2« für die libysche ausschließliche Wirtschaftszone sowie für die Such- und Rettungszone des Landes erklärt.

Lange Liste an Vorfällen

Der Verein Sea-Watch hat nach dem Angriff vor einer Woche sofort Details veröffentlicht. Demnach sei das kleine libysche Patrouillenboot, von dem die Schüsse abgegeben worden waren, von der »Murzuq 662« begleitet worden. Dieses größere Schiff hatte Italien im Juni 2023 an die sogenannte libysche Küstenwache übergeben. Als die »Sea-Watch 5« Kurs nach Norden nahm, tauchte die »Ras Jadir 648« auf – ein Patrouillenboot, das Italien bereits im Mai 2017 an die Tripolis-Regierung verschenkt hatte.

Beide großen Schiffe tauchen bereits mehrfach in einer Übersicht auf, in der Rettungsorganisationen seit 2016 mehr als 75 extreme Gewalttaten libyscher Milizen auf dem Mittelmeer dokumentieren. Die »Ras Jadir« bedrohte demnach kurz nach ihrer Übergabe 2017 die »Sea-Watch 3« und trug zu einem Unglück bei, bei dem im November etwa 50 Menschen ertranken. Im Juni 2021 feuerte die Besatzung Schüsse auf ein Flüchtlingsboot ab und versuchte, es zu rammen. Im April 2025 richtete die Miliz auf der »Ras Jadir« eine automatische Waffe auf die italienische »Aita Mari« und schrie »Go home!«, um eine Rettung zu verhindern.

Die »Murzuq 662« verfolgte im März 2024 die ebenfalls unter deutscher Flagge fahrende »Humanity 1« mit Sturmgewehren und feuerte Warnschüsse ab. Im August 2025 beschoss das Patrouillenboot die unter norwegischer Flagge fahrende »Ocean Viking« ganze 20 Minuten lang.

EU lobt Kooperation mit Libyen

Nach dem jüngsten Angriff auf die »Sea-Watch 5« erklärte ein Sprecher der EU-Kommission auf einer Pressekonferenz, man habe den Vorfall zur Kenntnis genommen. Die EU-Delegation in Tripolis werde sich dazu mit den »Partnern« in Libyen in Verbindung setzen. Auf Nachfrage eines Journalisten, ob die EU überhaupt jemals Erkenntnisse zu früheren Schüssen auf Rettungsschiffe habe feststellen können, wich der Sprecher aus und verwies auf »technische Missionen« und »Dialoge«, in denen derartige Vorkommnisse behandelt würden. Jedoch hält die Kommission nach nd-Recherchen alle Details dazu seit Jahren geheim.

Zur langen Liste der Gewalt durch die sogenannte libysche Küstenwache erklärte eine andere Sprecherin auf der Pressekonferenz wörtlich: »Natürlich kennen wir diese sehr bedauerlichen Vorfälle. Wir wissen nicht, wie viele verhindert wurden, gerade weil wir uns konsequent mit den libyschen Behörden zu diesem Thema ausgetauscht haben.«

Sea-Watch hält diese Darstellung für zynisch. »Ohne die finanzielle, politische und materielle Unterstützung der EU hätte die sogenannte libysche Küstenwache weder die Mittel noch die Ausrüstung, um solche Gewalttaten auf See zu begehen«, erklärt eine Sprecherin »nd«. Der grüne Europaabgeordnete Erik Marquardt hält es ebenfalls für eine »moralische Bankrotterklärung der EU-Kommission, dass diese Milizen für ihre Angriffe auf unschuldige Menschen auch noch mit EU-Steuergeld finanziert werden«.

Bundesregierung schweigt

Die Bundesregierung hat sich zum neuerlichen Beschuss der »Sea-Watch 5« noch nicht geäußert, obwohl Deutschland als Flaggenstaat für die Sicherheit des Schiffes verantwortlich ist – und die Bundespolizei in drei früheren Fällen wegen Schüssen auf deutsche Rettungsschiffe ermittelt. Eine entsprechende Anzeige stammt ebenfalls von Sea-Watch, nachdem die Crew der »Sea-Watch 5« bei einem Rettungseinsatz im September 2025 von libyschen Einheiten beschossen wurde.

Sea-Watch verweist darauf, dass die Bundeswehr seit Jahren an der EU-Militärmission »Irini« im Mittelmeer und damit auch an der Unterstützung der libyschen Milizen auf See beteiligt ist: Im November 2025 haben die EU-Staaten die Wiederaufnahme von Ausbildungsmaßnahmen zugunsten der libyschen Küstenwache beschlossen.

Trotz Angriffen neue EU-Finanzmittel

Die EU hat die Etablierung und den Aufbau einer libyschen Küstenwache seit 2017 im Programm SIBMMIL in zwei Rahmenverträgen über insgesamt 61 Millionen Euro unterstützt. Mit der Umsetzung wurde Italien beauftragt, das eigene Mittel beisteuerte. Über ein anderes EU-Programm folgten weitere fünf Millionen Euro für den Betrieb einer Seenotleitstelle in Tripolis.

Der grüne EU-Abgeordnete Marquardt nennt die Begünstigten der EU-Programme »kriminelle Mafia-Strukturen«. Nun treibt die EU ihre Zusammenarbeit mit diesen libyschen Einheiten voran. In diesem Frühjahr startete die Kommission die Umsetzung ihres »Pakts für das Mittelmeer«, der die südlichen Mittelmeeranrainer auch zur Migrationsabwehr fördert.

Libyen erhält dazu ab diesem Jahr weitere 25 Millionen Euro für sein »Grenzmanagement«. Offiziell sollen damit Such- und Rettungskapazitäten der sogenannten Küstenwache gestärkt werden. Zusätzliche fünf Millionen Euro fließen in eine »EU-Ausbildungsunterstützung für Libyens Grenzsicherheits- und Grenzmanagement-Institutionen«.

Italien verschärft Repression gegen »Sea-Watch 5«

Die Umsetzung dieser und anderer Kooperationen hat die EU-Kommission in der vergangenen Woche in einem hochrangigen Treffen mit der libyschen Regierung in Tripolis verhandelt – und damit zum selben Zeitpunkt, als sich der Angriff auf die »Sea-Watch 5« ereignete. Eine Konferenz mit Botschaftern aus EU-Mitgliedstaaten sowie mehreren ungenannten »gleichgesinnten Partnern« erfolgte dazu kurz vorher in Rom.

Ebenfalls zeitgleich verschärft Italien die Repression gegen zivile Rettungsschiffe. Die »Sea-Watch 5« musste einen von Italien zugewiesenen Hafen in Brindisi ansteuern – fast vier Tage Fahrt entfernt, auf dem Weg dorthin barg die Crew weitere 64 Menschen aus Seenot.

Nach der Ankunft am Samstag leiteten italienische Behörden ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen den Kapitän der »Sea-Watch 5« ein. Behörden besetzten stundenlang die Brücke des Schiffes, beschlagnahmten Dokumente und Ausrüstung und brachten Besatzungsmitglieder zur Befragung auf die Polizeiwache. Der Vorwurf lautet auf »Beihilfe zur unerlaubten Einreise«, die Begründung dafür bleibt unklar.

Es ist das erste Verfahren gegen ein ziviles Rettungsschiff in Italien seit 2020 und erinnert an den Fall der »Iuventa«: Das Schiff der deutschen Organisation »Jugend rettet« war 2017 beschlagnahmt und die Crew unter Schleuserverdacht gestellt worden. Nach fast acht Jahren sprach ein Gericht die Beschuldigten von allen Anklagepunkten frei – die »Iuventa« verrottete indes im Hafen von Trapani auf Sizilien.

Ob die »Sea-Watch 5« in Brindisi bleiben muss oder bald wieder auf Mission gehen wird, steht derzeit nicht fest. »Da keine Beschlagnahmungs- oder Festsetzungsanordnung vorliegt, ist das Schiff derzeit theoretisch grundsätzlich frei, den Hafen zu verlassen«, sagt Sea-Watch dazu auf Anfrage.

 

Brüssel finanziert Kaperbriefe für Milizen in Libyen, die mit ihrer neuen Ausrüstung auf Rettungsschiffe schießen. Die EU befeuert damit die Gewalt.

Die EU-Kommission wisse um die zahlreichen Gewaltvorfälle der sogenannten libyschen Küstenwache gegenüber Retter*innen und Geflüchteten im Mittelmeer – und mahne deshalb in Libyen immer wieder die Einhaltung der Menschenrechte an. Schließlich seien die aus Brüssel finanzierten Ausbildungsmaßnahmen sowie Material »ausschließlich für den Einsatz von Seenotrettungsoperationen« gedacht. So erklärten es zwei Sprecher*innen, die vergangene Woche nach dem Beschuss der »Sea-Watch 5« von der Presse befragt wurden. Der Zusammenarbeit seien diese Angriffe nicht abträglich: Viele ähnliche Vorfälle seien womöglich verhindert worden, weil man »konsequent« mit den libyschen Milizen kooperiere.

Zynischer geht es nicht. Denn mehr als ein Dutzend Rettungsschiffe haben diesen Schusswaffengebrauch bereits erleiden müssen oder waren davon bedroht – darunter die vieler deutscher Organisationen: Sea-Watch (mit verschiedenen Schiffen), das zivile Rettungsschiff »Louise Michel«, Lifeline, Sea Eye oder das Wendländer CompassCollective.

Die migrationspolitische Zusammenarbeit mit Libyen war auch nie als Gewaltprävention gedacht, sondern diente stets der Abwehr. Geflüchtete in Pushbacks nach Libyen zurückbringen durften europäische Staaten nicht, nachdem der Menschenrechtsgerichtshof des Europarates dies in einem wegweisenden Urteil gegen Italien verboten hatte. Deshalb musste ein willfähriger Vollstrecker auf libyscher Seite installiert werden, der eine völkerrechtliche Hintertür für Pullbacks öffnete. Das begann mit dem Aufbau der »Küstenwache« ab 2017, nachdem diese im Bürgerkrieg zerschlagen und ihre Ausrüstung zerstört worden war.

Die libyschen Einheiten wissen genau, dass sie Brüssel mit diesem Deal in der Zange haben – nicht umgekehrt. Nur so erklärt sich, dass die bewaffneten Eskalationen immer dann erfolgen, wenn sich hochrangige politische Vertreter gerade mit EU-Beauftragten zur Migrationsabwehr treffen. So war es im vergangenen Oktober, als libysche Milizen auf ein Flüchtlingsboot schossen, während Milizen aus Ost- und Westlibyen bei Frontex in Warschau und der Kommission in Brüssel weilten. So auch vergangene Woche, als Brüsseler Vertreter nach Tripolis kamen und weitere EU-Grenzmillionen mitbrachten – diesen neuen Kaperbrief mussten die Crew und die Gäste der »Sea-Watch 5« ausbaden.

 

  • newsletter@sea-watch.org 19.05.2026 Aufgeben ist keine Option!

am Freitag ist die Sea-Watch 5 in Brindisi angekommen. Alle Menschen, die wir in den vergangenen Tagen aus Seenot gerettet haben, konnten sicher von Bord gehen. Dafür sind wir unendlich dankbar.

Jetzt, da langsam etwas Ruhe auf dem Schiff einkehrt, wird uns erst so richtig bewusst, was in der vergangenen Woche eigentlich passiert ist.

Wir wurden in internationalen Gewässern von bewaffneten Kräften der sogenannten libyschen Küstenwache beschossen und bedroht. Unsere Crew musste befürchten, dass unser Schiff gewaltsam nach Libyen verschleppt wird – gemeinsam mit den Menschen, die wir zuvor aus Seenot gerettet hatten. Weder die EU noch Deutschland oder Italien haben uns während oder nach dem Angriff unterstützt.

Wenn ein Schiff unter deutscher Flagge beschossen und mit Entführung bedroht wird, sollte man sich auf eine klare Verurteilung und lückenlose Aufklärung verlassen können. Stattdessen werden nun strafrechtliche Ermittlungen gegen unseren Kapitän eingeleitet.

Dass Seenotretter:innen kriminalisiert werden, während gleichzeitig diejenigen unterstützt werden, die Gewalt gegen Schutzsuchende und zivile Rettungsschiffe ausüben, macht uns fassungslos!

Diese Ermittlungen sind ein weiterer Versuch, unsere Solidarität mit Menschen auf der Flucht anzugreifen. Aber wir lassen uns davon nicht einschüchtern. Wir wissen sehr genau, wer hier tatsächlich Recht bricht. 

Unterstütze unsere Einsätze als Fördermitglied

Trotz dieser schrecklichen Ereignisse versuchen wir, den Fokus auf das Wesentliche zu richten: Bei diesem Rettungseinsatz war es uns möglich, 166 Menschen aus Seenot zu retten und zu verhindern, dass sie gewaltsam nach Libyen zurückgebracht werden. Das ist der Grund, warum wir auf See fahren. Und genau deshalb werden wir auch weiterhin entgegen aller Widerstände auf dem Mittelmeer präsent sein!

In den letzten Tagen haben uns unglaublich viele Nachrichten von Euch erreicht. Ihr habt Euch nach der Crew und den geretteten Menschen erkundigt, uns Mut zugesprochen und uns mit Spenden unterstützt.  

Ich kann kaum beschreiben, wie viel uns das bedeutet. Nach einem Einsatz wie diesem ist genau diese Solidarität das, was uns weitermachen lässt. Sie zeigt uns, dass wir nicht alleine sind. 

Die letzten Wochen haben wieder einmal verdeutlicht, wie weit Europa inzwischen bereit ist zu gehen, um Menschen auf der Flucht von sich fernzuhalten. Die Gewalt, die wir erlebt haben, ist kein Zufall und längst kein Einzelfall mehr. Sie ist die Folge einer europäischen Abschottungspolitik, die Menschen bewusst gefährdet.

Aber Aufgeben ist keine Option. Die Sea-Watch 5 wird erneut ins Einsatzgebiet fahren. Weil Menschen weiterhin versuchen werden, das Mittelmeer zu überqueren. Und weil wir nicht zulassen können, dass Menschen auf der Suche nach Sicherheit sterben!

Danke, dass Du an unserer Seite bist. Danke für Deine Solidarität, Deine Nachrichten und Deine Unterstützung.