FRNRW: Zur humanitären Situation im Iran und Libanon

19.03.2026 

Aus dem Newsletter_März_2026 des Flüchtlingsrates NRW:

Humanitäre Lage im Iran und Libanon

Seit Beginn der Luft- und Raketenangriffe durch die USA und Israel auf den Iran am 28.02.2026
hat sich die sicherheitspolitische Lage im gesamten Mittleren Osten deutlich zugespitzt. Die Eskalation des Konflikts habe zu vielen zivilen Opfern und zur Zerstörung wichtiger Infrastruktur im Iran geführt, wie Amnesty International in einer Pressemitteilung vom 04.03.2026 berichtet. Bei den Angriffen wurde auch der „Oberste Führer“ des Iran, Ali Chamenei, getötet. In den darauffolgenden Tagen habe der Iran mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Ziele in Israel sowie in mehreren Staaten der Golfregion verübt. Parallel dazu habe Israel seine Angriffe auf den Libanon deutlich ausgeweitet, insbesondere als Reaktion auf Raketenangriffe der Hisbollah aus dem Süden des Landes, wie die NGO in der genannten Pressemitteilung berichtet.
Die Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, Julia Duchrow, warnte vor einer weiteren militärischen Eskalation zwischen den beteiligten Akteurinnen mit möglichen gravierenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Im Zusammenhang mit den militärischen Angriffen der USA und Israels auf den Iran appellierte Amnesty International an alle beteiligten Akteurinnen, von völkerrechtswidrigen Angriffen abzusehen, insbesondere von direkten Angriffen auf Zivilpersonen, wahllosen oder unverhältnismäßigen Bombardierungen sowie dem Einsatz von Explosivwaffen mit großer Flächenwirkung in dicht besiedelten Gebieten und Angriffen auf zivile Infrastruktur. In einem internationalen Konflikt sei die Einhaltung der internationalen Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts dringend erforderlich.
Die Kämpfe im Mittleren Osten wirken sich deutlich auf Fluchtbewegungen und die humanitären Bedingungen in der Region aus. Nach einem aktuellen Lagebericht des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) vom 05.03.2026 sind bereits mehr als 300.000 Menschen vertrieben worden, zumeist innerhalb ihrer eigenen Länder.
Besonders kritisch sei die Situation im Iran. Das Land beherbergte nach Angaben des UNHCR bereits vor der militärischen Eskalation mehr als 1,65 Millionen Schutzsuchende. Seit Ende Februar hätten nach iranischen Regierungsangaben etwa 100.000 Menschen die Hauptstadt Teheran verlassen. Da die Erfassung der Fluchtbewegungen aufgrund der angespannten Sicherheitslage derzeit kaum möglich sei, geht der UNHCR jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Vertriebenen deutlich höher liegen könnte. Zahlreiche Menschen im Iran, die beim UNHCR Unterstützung suchten, hätten berichtet, ihre Lebensgrundlagen verloren zu haben und dringend auf finanzielle Hilfe angewiesen zu sein. Viele sähen eine Umsiedlung in Drittstaaten derzeit als ihre einzige realistische Schutzoption.
Auch im Libanon sei die Zahl der Vertriebenen weiter gestiegen, berichtet UNHCR. Nach Angaben der libanesischen Regierung hätten Anfang März mehr als 95.000 Menschen Schutz in rund 440 von ihr bereitgestellten Sammelunterkünften gesucht, in denen der UNHCR die Versorgung und Betreuung der Schutzsuchenden unterstütze. Gleichzeitig nähmen die Grenzübertritte nach Syrien deutlich zu: Zwischen dem 01.03.2026 und 04.03.2026 seien nach Angaben der syrischen Behörden rund 33.000 Menschen vom Libanon nach Syrien gekommen, überwiegend syrische Familien, jedoch auch mehrere tausend libanesische Staatsangehörige.
Der UNHCR wies darauf hin, dass seine Einsätze in der Region weiterhin stark unterfinanziert seien. Während der Bedarf an Schutzmaßnahmen und humanitärer Hilfe steige, fehlten vielerorts die notwendigen Mittel, um die Versorgung aufrechtzuerhalten oder auszuweiten.
Die Asylagentur der Europäischen Union (EUAA) betont bereits in ihrer am 03.03.2026 publizierten Jahresanalyse 2025 zu Asylentwicklungen, in der sie die aktuelle militärische Eskalation im Iran noch nicht erfasst hat, dass im Iran mit einer Bevölkerung von rund 90 Millionen Menschen das Potenzial für größere Fluchtbewegungen erheblich sei. Eine teilweise Destabilisierung des Landes, etwa durch anhaltende politische, wirtschaftliche und soziale Spannungen, könne zu Fluchtbewegungen von bislang ungekanntem Ausmaß führen.
Das Migazin berichtete in einem Artikel vom 05.03.2026, dass die Internationale Organisation für Migration (IOM) die aktuelle Lage im Iran mit großer Sorge beobachte, insbesondere angesichts der humanitären Notlage der Menschen vor Ort. Die Generaldirektorin der IOM, Amy Pope, äußerte dem Medium zufolge, dass die weitere Entwicklung der Situation davon abhänge, ob sich die Lage beruhige oder sich der Konflikt ausweite oder länger anhalte. Insbesondere Angriffe auf zivile Infrastruktur könnten größere Fluchtbewegungen auslösen. Pope betonte, dass Regierungen der Nachbarländer des Iran in Zusammenarbeit mit der IOM frühzeitig Notfallpläne entwickeln müssten, um auf mögliche Fluchtbewegungen vorbereitet zu sein.
EU-Innenkommissar Magnus Brunner erklärte laut Migazin, dass bislang keine signifikante Steigerung von Migrationsbewegungen an den europäischen Außengrenzen erkennbar sei. Nach Einschätzung des Mediums könnte dies mit der aktuellen Grenzpolitik der Türkei zusammenhängen: Die türkische Regierung halte ihre Grenze zum Iran weitgehend geschlossen. Zugleich setze die EU auf eine enge Zusammenarbeit mit der Türkei, um Migration „gezielt zu steuern“ und Fluchtbewegungen nach Europa zu begrenzen.