08.03.2026 Aus den News von Pro Asyl
Anlässlich des Internationalen Frauentages erzählen zwei geflüchtete Frauen, die aus einem geregelten Leben in Deutschland nach Griechenland zurückgeschoben wurden und sich obdachlos in Athen wiederfanden, von ihren Erfahrungen.
Der Internationale Frauentag am 8. März, ist ein weltweiter Aufruf zu Gleichberechtigung und zur Stärkung von Frauen. Es ist ein Tag, an dem die Stimmen von Frauen und ihre Lebensrealitäten sichtbar gemacht werden sollen.
2025 waren rund 40 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland Frauen und Mädchen. Die zunehmende Härte in der Flüchtlingspolitik auf nationaler und europäischer Ebene trifft sie in besonderer Weise. Wenn sie etwa von Griechenland bereits als Flüchtlinge anerkannt wurden, wie die beiden Frauen in diesem Text, drohen hierzulande die Verweigerung sämtlicher Sozialleistungen oder die Abschiebung in desolate Verhältnisse. Für Frauen ist der staatliche Entzug jeglicher sozialen Sicherheit zudem mit besonderen Gefährdungen verbunden.
Die PRO-ASYL-Schwesterorganisation Refugee Support Aegean (RSA) teilt die Stimmen zweier betroffenen Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund: einer Transfrau und Mutter sowie einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern. Beide lebten in Deutschland, bevor sie, in dem einen Fall samt ihrer eingeschulten Kinder, nach Griechenland zurückgeschoben wurden. Dort hatten sie Jahre zuvor eine Flüchtlingsanerkennung erhalten. Nach der Abschiebung fanden sie sich unmittelbar in existenzieller Not und Obdachlosigkeit wieder. Im Interview mit RSA erzählen sie, was es für sie bedeutet, eine Frau zu sein, was ihnen Kraft gibt und welcher Moment in ihrem Leben sie besonders geprägt und verändert hat. Beide haben in Europa große Härten erlebt und sind trotzdem stark geblieben. Beide versuchen nach vorne zu schauen, auch wenn unklar ist, wohin ihre Wege sie führen werden.
Dies sind ihre Geschichten.
»Mein aufrichtiger Wunsch für alle – egal ob männlich, weiblich oder divers – ist ein sicherer Ort zum Leben«
Mariella** (44) aus dem Iran ist eine Transfrau und Mutter, die ihre minderjährige Tochter bei ihrer Mutter im Iran zurücklassen musste. Sie erreichte Griechenland, floh aber aufgrund der desolaten Lebenssituation weiter nach Deutschland, von wo man sie vor fast einem Jahr zwangsweise zurück nach Athen brachte. Ihre griechische Aufenthaltserlaubnis war dann bereits abgelaufen. Sie beantragte sofort eine Verlängerung, wartet aber fast ein Jahr später noch immer darauf. Ohne gültige Dokumente kann sie weder grundlegende Rechte in Anspruch nehmen noch eine formelle Arbeit finden, um sich selbst und ihre Familie im Iran zu unterstützen.
»Am Tag meiner Abschiebung aus Deutschland hatte ich kein Geld und keinen Ort, an den ich gehen konnte. Ich ging zu einer Polizeistation im Zentrum von Athen und bat um Hilfe. Ich sagte: ‘Was soll ich jetzt tun als obdachlose Transfrau, die vor Ihnen steht? ’ Sie sagten mir nur, ich solle meinen Ausweis erneuern. Sonst nichts.
Ich reiste nach Patras, um eine alte Bekanntschaft zu suchen – die einzige Person, die ich kannte – in der Hoffnung, dass sie mir eine Unterkunft bieten könnte. Ich fand sie nicht und kehrte ohne Geld nach Athen zurück. Ich ging in ein informelles Hostel, eine „Mosaferkhana“, wo viele Menschen in Gemeinschaftszimmern für zehn Euro pro Nacht schlafen. In dieser Nacht versuchten drei oder vier Männer, mich zu vergewaltigen. Ich schrie und der Besitzer klopfte an die Tür und half mir. Am Morgen ging ich, weil ich nicht sicher war. Danach musste ich draußen schlafen. Für eine Frau ist es sehr schwierig, auf der Straße in Athen zu schlafen – dennoch schlafen viele Frauen und auch Transfrauen auf den Straßen.
Eine Zeit lang schlief ich in einem Park im Zentrum von Athen. Eines Nachts griffen mich einige Männer an und versuchten, meine Dokumente und mein Telefon zu stehlen. Ich schrie und eine Frau kam angerannt. Sie flohen. Danach schlief ich zwei Wochen lang in einem Fußgängertunnel unter einer Hauptstraße, ohne Licht. Bei jedem Geräusch wachte ich auf.
Bevor ich Griechenland in Richtung Deutschland verließ, war mein Leben hier bereits wegen fehlender Arbeit und Wohnraum sehr schwierig. Aber damals belästigte mich niemand wegen meines Geschlechts. Damals konnte ich noch nicht ich selbst sein und lebte äußerlich als Mann. Jetzt, wo ich eine Frau bin, sehen mich viele Menschen auf eine Weise an, die mir das Gefühl gibt, dass sie mich ausbeuten wollen. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen in Griechenland nicht verstehen, was es bedeutet, eine Transfrau zu sein. Oft fühle ich mich diskriminiert. Einige Menschen aus meiner eigenen Community sagten mir, ich solle wieder ein männliches Erscheinungsbild annehmen, dann würden sie mir helfen. Aber ich brauche Unterstützung als Transfrau. Ich kann endlich ich selbst sein und mich als Frau ausdrücken. Ich kann nicht einfach aufhören, ich selbst zu sein.
Seit ich nach Griechenland zurückgeschoben wurde, habe ich Organisationen um Hilfe gebeten und E‑Mails an Arbeitgeber geschickt, aber seit elf Monaten habe ich keine Arbeit gefunden. Als ich früher hier lebte, überlebte ich, indem ich Abfälle sammelte und an Recyclingfirmen verkaufte. Ich lief jeden Tag viele Kilometer mit einem Wagen. Aber jetzt, als Transfrau, kann ich in diesem Bereich oder in der Landwirtschaft nicht mehr arbeiten, weil ich dort Belästigung ausgesetzt wäre. Arbeit ist notwendig und ich brauche dringend Geld, aber ich kann meine Identität nicht für Arbeit ändern.
Ohne gültige Aufenthaltserlaubnis kann ich keine Steuernummer bekommen, kein Bankkonto eröffnen und nicht offiziell arbeiten. Ich kann mich nicht als arbeitslos melden oder soziale Leistungen wie eine kostenlose Transportkarte, Sozialsupermärkte oder Apotheken nutzen.
In Griechenland kann man Schönheit sehen – wie die Akropolis, die Sonne, das Meer – aber man kann auch hungrig und obdachlos sein. Einmal machte ich ein Foto von zwei Bäumen, die nebeneinander in einem Park standen. Einer war grün und lebendig, der andere völlig vertrocknet. Er hätte im Frühling nicht trocken sein sollen, wenn alles blüht. So ist es auch mit Menschen, die hierher zurückgeschoben werden. Man kann wie dieser trockene Baum werden.
Griechenland hat mich als Flüchtling anerkannt und mir Schutz gegeben. Sollte es dann nicht wenigstens minimale Unterstützung geben? Wenn ich die vorübergehende Unterkunft verlieren, in der ich jetzt untergekommen bin – ohne Dokumente, Arbeit oder staatlicher Unterstützung – werde ich dann wieder Obdachlosigkeit und Missbrauch erleben?
Trotz allem finde ich Kraft in meinem inneren Gefühl. Zu wissen, dass ich eine Frau bin, gibt mir Stärke. Das ist, wer ich bin, und es ist mir egal, was andere darüber sagen. So leben zu können, wie ich wirklich bin, gibt mir inneren Frieden. Es bedeutet Freiheit. Als ich mich zum ersten Mal so kleidete, wie ich wirklich bin, fühlte ich eine tiefe Ruhe. Das war die größte Veränderung in meinem Leben. Es hilft mir weiterzumachen.
Mein aufrichtiger Wunsch für alle – egal ob männlich, weiblich oder divers – ist ein sicherer Ort zum Leben. Mein persönlicher Wunsch ist ein eigenes Zuhause und ein Wiedersehen mit meiner Tochter. Es ist acht oder neun Jahre her, seit ich sie zuletzt gesehen habe. Ich vermisse sie.«
»Niemand hat mir meine Rechte gegeben in Europa! Ich habe sie mir hier selbst gegeben!«
Nilab** (39) aus Afghanistan ist eine alleinerziehende Mutter mit einer schweren Behinderung. Ende Januar 2026 wurde sie zusammen mit ihren vier Kindern aus Deutschland nach Griechenland abgeschoben – trotz vieler Jahre Aufenthalt und obwohl ihre Kinder vollständig in Schule und Alltag integriert waren. Nach ihrer Rückkehr waren ihre griechischen Dokumente längst abgelaufen und sie hatte sie keinen Zugang zu Wohnraum oder staatlicher Unterstützung. Die Familie wird derzeit nur durch humanitäre Hilfe von ehemaligen deutschen Nachbar*innen und Freund*innen unterstützt, die sich zugleich für ihre Rückkehr nach Deutschland einsetzen, während ihre rechtliche Unterstützung in Griechenland von RSA, der Schwesterorganisation von PRO ASYL, übernommen wird. Außerdem unterstützt PRO ASYL auch das rechtliche Verfahren in Deutschland. Und dies erfolgreich. Ein Gericht entschied nun: Die Familie muss nach Deutschland zurückgeholt werden.
»Als Frau erinnere ich mich jeden Tag an das Gefühl der Verantwortung. Meine Kinder. Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Was soll ich kochen? Was werden sie essen, wenn sie aufwachen? Meine Gedanken sind immer bei ihnen.
Schwangerschaft, Kinder großzuziehen, für sie wach zu bleiben, über ihre Zukunft nachzudenken – und all den Schmerz für sie zu ertragen – das macht dich stark.
Mein Leben änderte sich wegen meines Hijabs. In Deutschland trug ich ihn am Anfang noch. Zuerst fühlte ich mich unwohl, weil viele Leute mich anstarrten. Dann merkte ich auch, dass ich mich selbst nicht wohl fühlte. Ich habe etwa ein Jahr gebraucht, um ihn abzunehmen, weil ich ihn mehr als dreißig Jahre lang getragen hatte. Aber an dem Tag, als ich ihn abnahm, tat ich es für mich selbst. Ich fühlte mich frei.
Ich sage nicht, dass der Hijab gut oder schlecht ist. Wichtig ist, wie sich jede Frau fühlt und welche Entscheidung sie trifft. Niemand sollte eine Frau zwingen, etwas zu tragen oder abzulegen. Die Entscheidung muss ihre eigene sein.
Die größte Schwierigkeit für eine Frau, die zur Migration gezwungen ist, ist Einsamkeit. Wenn niemand deine Worte, deine Kämpfe und deine Ängste versteht, fühlst du dich allein. Wer kann verstehen, wie ich mich als alleinerziehende Mutter ohne Papiere in einem fremden Land fühle, ohne die Sprache oder die Regeln zu kennen?
Niemand hat mir meine Rechte gegeben in Europa. Ich habe sie mir hier selbst gegeben. Ich habe mir selbst Wert gegeben. Jahrelang lebte ich in Deutschland mit einer ‚Duldung‚, immer mit dem Risiko der Abschiebung. Ich musste für alles allein kämpfen – für Dokumente, für meine Scheidung, für meine Kinder. Ich lernte: Wenn ich nicht für mich selbst einstehe, wird es niemand tun.
Als sie uns vor einem Monat aus Deutschland abgeschoben haben, war es ein Schock. Sie gaben mir keine Zeit, um mich zu verteidigen. Wir gingen zu einem Termin, in der Annahme, es gehe um Dokumente. Stattdessen kam die Polizei. Meiner ältesten Tochter wurden fünfzehn Minuten Zeit zum Packen gegeben. Fünfzehn Minuten, um unser neues Leben erneut hinter uns zu lassen. Die Kinder hatten Schule, Fußballtraining, Pläne für den nächsten Tag. Wir hatten gerade Lebensmittel gekauft und den Kühlschrank gefüllt. Ich hatte noch nicht einmal das Geschirr gespült, weil ich dachte, ich würde in ein paar Stunden zurück sein und es dann erledigen. Ich plante meinen Geburtstag mit meinen Freund*innen. Plötzlich stoppte alles. Unser Zuhause blieb mitten im normalen Alltag verlassen zurück.
Diese Abschiebung hat mich stärker gemacht, aber mein Herz ist wegen meiner Kinder gebrochen. Ich kann vieles überstehen. Aber sie sind noch Kinder. Sie wurden nach all dem zerbrechlicher. Sie sagen, dass wir nie wieder zu unserer Schule zurückgehen werden.
Alle Frauen auf der Welt – selbst diejenigen, die wissen, wie sie ihre Rechte verteidigen können – haben sicher Situationen erlebt, in denen sie Sexismus erfahren haben. Sie alle erkennen an einem bestimmten Punkt, dass es wehtut, eine Frau zu sein, trotz der Unterschiede zwischen uns. Vielleicht werden Frauen deshalb so stark. Es gibt einen Schmerz, den Frauen tragen: in ihren Körpern, in ihren Verantwortungen, in der Art, wie die Gesellschaft sie betrachtet. In der Art, wie Männer uns ansehen. Wir sind konfrontiert mit Sexismus und Vorurteilen. Deshalb habe ich gelernt, mich selbst zu schützen und Abstand zu halten. Aber am wichtigsten ist, wie du dich selbst siehst. Wie sehr du dich selbst respektierst. Niemand sollte dich klein fühlen lassen.
Ich habe keine großen Wünsche. Als mich eine Freundin kürzlich fragte, was ich mir wünsche, sagte ich: Gesundheit für alle. Ich bevorzuge es, lieber selbst zu versuchen Dinge zu erreichen, statt nur davon zu träumen.«
*Hinweis: Die im Titel zitierte Phrase stammt aus dem Gedicht „Still I Rise“ (1978) von Maya Angelou, einer kraftvollen Würdigung innerer Stärke und der Fähigkeit, Unterdrückung zu überwinden.
**Die Namen wurden zum Schutz der Personen geändert