15.10.2026 Aus den News von Pro Asyl:
Shahfaisal floh mit 13 Jahren aus Afghanistan. Zwei Jahre später erreicht er Deutschland als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter. In dem aktuellen Kinofilm »Wohin mit mir« gibt er Einblicke in sein Leben zwischen Unsicherheit und Erwachsenwerden. Ein Gespräch über das Ankommen in Zeiten des Rechtsrucks und was seit dem Film passiert ist.
Shahfaisal, der Regisseur Marvin Menné hat dich von Januar bis Juli 2024 mit der Kamera begleitet. Wie kam es dazu, dass du bei dem Film mitgemacht und deine Geschichte erzählt hast?
Damals war ich gerade 16. Marvin ist in unsere Wohngruppe in Mönchengladbach gekommen und hat uns erzählt, dass er einen Film machen will. Darüber, wie wir hier leben, welche Probleme wir haben und so. Alle Jungs haben gesagt, dass sie mitmachen, auch ich. Am nächsten Tag haben sie doch nein gesagt. Aber ich sagte, ich bleibe dabei, ich mache bis zum Ende mit.
Ich hatte es mir etwas anders vorgestellt, also mit Schauspielern und so. Aber dieser Film, wie er jetzt ist, ist auch gut. Ich habe das einfach gemacht, damit die Deutschen mitbekommen, wie wir leben. Wir sind nicht so schlecht, wie die Medien uns darstellen – als Ausländer, die aus Afghanistan oder aus Syrien kommen und hier nur Straftaten begehen. Menschen sind nicht gleich. In jeder Nationalität gibt es gute und schlechte Leute.
Richtig stark, dass du dich entschieden hast, mitzumachen. Wie war es denn, gefilmt zu werden?
Am Anfang war das ein bisschen unangenehm aber nach dem zweiten, dritten Tag hatte ich kein Problem mehr damit. Das war ganz normal, Marvin hat einfach so gefilmt, wie wir leben.
Wenn ich nicht das Richtige sage, dann bekomme ich keine Papiere und werde abgeschoben. Wenn man noch so jung ist, kann man nicht so gut antworten.
Wie war deine Anfangszeit in Deutschland und die Zeit des Asylverfahrens?
Das war schwer. Dieser BAMF*-Termin, auf den muss man normalerweise Monate oder sogar jahrelang warten. Bei mir waren es ungefähr anderthalb Jahre, bis ich einen Termin bekam. Und dann nochmal das Warten auf die Antwort. Man denkt die ganze Zeit darüber nach: Wenn ich nicht das Richtige sage, dann bekomme ich keine Papiere und werde abgeschoben. Wenn man noch so jung ist, kann man nicht so gut antworten. Aber zu der Zeit, als ich mein Interview beim BAMF hatte, konnte man noch eine positive Antwort erhalten. Jetzt in diesem Jahr erhielten alle meine Freunde negative Antworten. Ihnen wird gesagt, sie sollen so schnell wie möglich das Land verlassen. Zurzeit ist es nicht gut.
Hattest du während des Drehs, als du noch keinen Aufenthaltsstatus hattest, Angst?
Ja. Ich hatte keinen Ausweis. Ich hatte nur sowas, das Duldung heißt und nicht sicher für mich war. Während ich wartete, dachte ich oft darüber nach: Wenn Deutschland mir keinen Aufenthaltstitel gibt, dann kann ich auch in ein anderes Land gehen, nach Frankreich oder Italien oder so. Wir wollen nicht unbedingt hier in Deutschland bleiben.
Was meinst du damit?
Man darf uns nicht zurück nach Afghanistan abschieben. Wir hatten Probleme dort. Wenn wir keine Probleme hätten, wären wir nicht gekommen. Früher hatten wir ein gutes Leben, wir hatten alles. Aber jetzt sind Leute, die mit Amerikanern zusammengearbeitet haben, zu hundert Prozent nicht mehr sicher. Die werden von den Taliban getötet, auch wenn die das nicht im Internet zeigen. Mein Vater hatte damals in einem Militärcamp mit Amerikanern und Franzosen gearbeitet. Da waren auch Deutsche. Als die Taliban kamen, mussten wir raus.
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Wer sind wir?
Meine Mutter war schwanger, meine kleinen Brüder waren noch sehr klein, so drei, vier Jahre alt. Die konnten nicht raus, sonst hätte mein Vater alle mitgenommen.
Nur mein Vater und ich sind raus aus Afghanistan – und dann weiter, immer weiter. Mein Vater ist dann im Iran geblieben. Er sagte: »Du kannst weitergehen. Mir ist egal, ob mir was passiert, aber du sollst sicher sein.« Ich ging bis in die Türkei und hätte von mir aus dort bleiben können. Eigentlich war es mir egal, in welchem Land ich bleibe. Türkei, Iran… an Deutschland habe ich nicht unbedingt gedacht. Hauptsache nicht Afghanistan.
Aber in der Türkei schieben sie Leute nach Afghanistan ab. Mein Vater wollte, dass ich sicher bin. Ich ging mit einem Mann, den ich nicht kannte, nach Europa. Ich wusste nicht, wohin ich gehe, in welchem Land ich bin. Irgendwann ging ich zur Polizei und sagte, »ich bin neu hier.« Dort brachten sie mich zum Jugendamt. Ich war zu jung, aber wenn ich damals gewusst hätte, dass diese AfD-Politik kommt, dass die uns nach Afghanistan abschieben wollen, dann wäre ich in ein anderes Land gegangen. Irgendwohin, wo ich mir sicher etwas aufbauen kann – zur Schule gehen, eine Arbeit aufnehmen, ein Studium oder eine Ausbildung machen.
Dürfen wir hier weiterleben, wenn die AfD kommt? Für Leute wie mich, die wirklich Probleme in ihrem Herkunftsland haben, ist das lebensgefährlich.
Du hast mittlerweile ein Abschiebungsverbot erhalten. Aber Geflüchtete und Migrant*innen sind gerade sehr betroffen von der aktuellen politischen Lage. Wie geht es dir damit?
Ich habe ein Abschiebeverbot – das ist ein Aufenthaltstitel nach Paragraf 25 Absatz 3 aber trotzdem fühle ich mich nicht sicher. Die Deutschen gucken sich die Politik in unserem Land an, und wenn sie es für ‚sicher‘ halten, wollen sie uns jederzeit abschieben.
Wenn ich die Politik im Fernsehen sehe, werde ich sehr, sehr traurig. Dürfen wir hier weiterleben, wenn die AfD kommt? Ich habe Angst, dass sie uns dann nicht sagen, dass wir gehen sollen, sondern dass sie uns einfach abschieben werden. Für Leute wie mich, die wirklich Probleme in ihrem Herkunftsland haben, ist das lebensgefährlich. Ich will, wenn die uns abschieben, dass sie uns das vorher sagen. Dann gehen wir lieber selbst freiwillig in ein anderes Land, egal ob das Italien ist oder woandershin. In Italien wollen sie uns, damit wir dort arbeiten, was Handwerkliches oder so.
Die Politiker denken, dass alle Ausländer scheiße sind. Aber es gibt viele Leute, die wirklich ein gutes Leben aufbauen und arbeiten wollen. Die diesem Land Steuern geben wollen. Sie sollen nicht abgeschoben werden.
In einer eindrücklichen Filmszene sitzt du auf dem Boden neben deinem Bett und sprichst darüber, wie es ist, in Sprache und Schule zu investieren, obwohl du immer noch nicht weißt, ob du hier bleiben kannst. Spürst du nun, zwei Jahre später, immer noch diese Perspektivlosigkeit?
Ja, ein bisschen spüre ich das noch so. Wegen der Abschiebegefahr. Ich denke immer noch: Man hätte auch in ein anderes Land gehen können, wo man sicher bleiben und sich ein Leben aufbauen kann.
Es ist einfach scheiße. Der deutsche Staat gibt uns jeden Tag Geld. Für uns minderjährige Geflüchtete geben sie viel Geld aus. Sie sollten uns behalten, dann kann das Geld wieder zurückfließen. Wir arbeiten, wir geben wieder Steuern.
Wenn du an das Wort Zukunft denkst, was für Gefühle oder was für Gedanken kommen in dir hoch?
Zukunft ist für mich, ein gutes Leben zu haben, einen guten Job, eine schöne Wohnung, ein schönes Auto – in einem Land, in dem ich sicher bin. Das war’s.
Und Leuten helfen. Solchen, die arm sind, die sich nicht selbst versorgen können. Denn es gibt Leute, die uns geholfen haben – das vergesse ich nicht. Wenn ich etwas erreiche und Geld verdiene, muss ich auch anderen Leuten helfen.
Ihr habt in den Krieg in Afghanistan die Waffen gebracht, zum afghanischen Militär. Und jetzt, wo die Taliban gesiegt haben könnt ihr uns nicht einfach hängen lassen.
Was gibt dir Hoffnung und Kraft, weiterzumachen?
Dass ich weiter zur Schule gehe und bald eine Ausbildung machen oder studieren werde. Deswegen bin ich hier, deswegen kann ich hier weiterleben.
Aber mit der Entscheidung des BAMFs bin ich unglücklich. Ich habe ihnen doch erzählt, dass ich wirklich Probleme habe. Mein Vater hat mit euch, mit Franzosen und mit Amerikanern gearbeitet. Man flieht nicht einfach so aus Afghanistan. Es gibt keine Eltern, die ihre Kinder einfach so mit 13 Jahren in ferne Länder schicken.
Ihr habt in den Krieg in Afghanistan die Waffen gebracht, zum afghanischen Militär. Und jetzt, wo die Taliban gesiegt haben könnt ihr uns nicht einfach hängen lassen, sie uns töten lassen, das geht doch nicht.
Und was wünschst du dir aktuell von der Politik?
Wenn ich an meinen Status denke und daran, dass ich abgeschoben werden kann, kann ich nicht gut lernen und auch nicht arbeiten. Davon kriegt man Depressionen. Ich wünsche mir, dass sie mir einen besseren Aufenthaltstitel geben, damit, wenn die AfD kommt, sie mich nicht einfach so abschieben. Denn ich habe wirklich Probleme in Afghanistan. Ich gehe weiter in die Schule, möchte eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich machen und versuchen, bessere Aufenthaltspapiere zu bekommen. Damit ich mir nicht mehr so viele Sorgen machen muss.
(xjv, fw)
Der Dokumentarfilm »Wohin mit mir« von Marvin Menné läuft seit dem 1. Oktober 2026 deutschlandweit in Kinos. Spielorte und weitere Infos findet ihr hier.