Kaum berichtet: Flucht ukrainischer Kriegsdienstverweigerer. Schutzstatus in Gefahr

27.05.2026 Die Flucht ukrainischer Kriegsdienstverweigerer ist riskant. Wer es über die Grenze schafft, genießt bisher wie alle Ukraine-Geflüchtete Schutz. Doch der wird bei mehr und mehr bei Männern im kriegsfähigen Alter in Frage gestellt.

Die Berliner Morgenpost berichtete etwa am 14.04.2026: Merz und Selenskyj: Geflüchtete junge Männer sollen zurück in die Ukraine: "Aus der Ukraine sind in den letzten Monaten Zigtausende junge Männer nach Deutschland geflüchtet, während die ukrainische Armee händeringend Soldaten sucht. Jetzt tritt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) scharf auf die Bremse: Die Zahl der jungen Ukrainer, die sich in Deutschland aufhalten, müsse reduziert werden, forderte Merz bei einer Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Berlin. Ein solcher Schritt sei unverzichtbar, um die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. „Wir brauchen schnelle Fortschritte im Interesse beider Seiten“, drängte Merz, der Selenskyj zuvor im Rahmen von deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen zu einem Vier-Augen-Gespräch empfangen hatte." 

Über die Gefahren der Flucht und den in Frage gestellten Schutzstatus berichtete jetzt nd. Ausschnitte:

Nach Angaben rumänischer Grenzbeamter flohen seit 2022 rund 32 000 ukrainische Männer illegal über die Grenze nach Rumänien. Viele versuchen es über schwer zugängliche Bergregionen der Karpaten. Immer wieder kommt es dabei zu Todesfällen durch Unterkühlung, Abstürze oder Erschöpfung.

Rumänische Rettungskräfte berichten von dramatischen Szenen: Männer ohne ausreichende Ausrüstung durchqueren nachts die Berge, um ukrainischen Grenzkontrollen zu entgehen. Manche sterben kurz vor dem Ziel. Der Verzicht auf entsprechende Ausrüstung hat einen einfachen Grund: Wer sich im Grenzgebiet mit deutlich sichtbarer touristischer Ausrüstung – etwa einem Rucksack oder Schlafsack – aufhält, gerät schnell in Verdacht, eine Flucht zu planen und muss damit rechnen, von der Polizei kontrolliert zu werden.

Rund 4,33 Millionen Menschen aus der Ukraine mit temporärem Schutzstatus lebten Ende März 2026 nach Angaben von Eurostat in der EU. Etwa ein Viertel davon sind Männer zwischen 18 und 64 Jahren. Damit könnte sich bis zu einer Million Männer im wehrfähigen Alter in Europa aufhalten. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge befinden sich ungefähr 350 000 davon in Deutschland.

Der temporäre Schutzstatus für Ukrainer wird im März 2027 ablaufen. Ob er dann für ein weiteres Jahr verlängert wird, oder dann individuell über das Recht auf Aufenthalt entschieden wird, ist noch unklar. Möglicherweise müssen dann viele Ukrainer ihren Aufenthalt über Arbeitsvisa, Studium, Familiennachzug oder andere Aufenthaltstitel absichern. Insgesamt ist es fraglich, ob eine gezielte Abschiebung ukrainischer Männer juristisch und organisatorisch überhaupt umsetzbar ist. Offensichtlich setzt man eher auf sanften Druck und Anreize für eine freiwillige Ausreise.

Mindestens ein ukrainischer Kriegsdienstverweigerer ist bereits ausgeliefert worden.

Hier der ganze Beitrag:

 

Die Diskussion über die Zukunft ukrainischer Männer in Europa nimmt an Fahrt auf und gewinnt zunehmend an politischer Brisanz.

Die Diskussion über ukrainische Männer im kriegsfähigen Alter, die sich in Deutschland und anderen EU-Staaten aufhalten, gewinnt zunehmend an politischer Brisanz.

Im April hatte Bundeskanzler Friedrich Merz beim Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesagt, die Zahl junger ukrainischer Männer in Deutschland müsse reduziert werden. Ihre Rückkehr sei notwendig, um die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern, so Merz. Von Selenskyj bekam er dafür Unterstützung. Die Rückkehr der Männer sei »eine Frage der Fairness« gegenüber jenen Soldaten, die seit Jahren an der Front kämpften und auf Rotation warteten.

Jüngst stellte auch die EU-Sonderbeauftragte für Ukrainer in der Europäischen Union, Ylva Johansson, öffentlich infrage, ob es »logisch« sei, dass ukrainische Männer im wehrfähigen Alter automatisch temporären Schutz in der EU erhielten. Ihrer Ansicht nach sende Europa damit ein widersprüchliches Signal an die Ukraine, die gleichzeitig militärisch unterstützt werde.

Wer kann, flieht aus der Ukraine

In der Ukraine geht mittlerweile kaum noch ein Mann freiwillig zur Armee. Männer werden von der Militärbehörde TZK gejagt und von der Straße weg in Ausbildungszentren verschleppt. Dort leben die neu Eingezogenen wie in einem Gefängnis, ihnen werden die Smartphones abgenommen, bevor sie dann Wochen später an die Front geschickt werden.

»Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist eindeutig im Grundgesetz festgeschrieben.« Artjom Klyga Anwalt

Aus Angst verstecken sich viele Männer zu Hause oder fliehen ins Ausland. Nach Angaben rumänischer Grenzbeamter flohen seit 2022 rund 32 000 ukrainische Männer illegal über die Grenze nach Rumänien. Viele versuchen es über schwer zugängliche Bergregionen der Karpaten. Immer wieder kommt es dabei zu Todesfällen durch Unterkühlung, Abstürze oder Erschöpfung.

Rumänische Rettungskräfte berichten von dramatischen Szenen: Männer ohne ausreichende Ausrüstung durchqueren nachts die Berge, um ukrainischen Grenzkontrollen zu entgehen. Manche sterben kurz vor dem Ziel. Der Verzicht auf entsprechende Ausrüstung hat einen einfachen Grund: Wer sich im Grenzgebiet mit deutlich sichtbarer touristischer Ausrüstung – etwa einem Rucksack oder Schlafsack – aufhält, gerät schnell in Verdacht, eine Flucht zu planen und muss damit rechnen, von der Polizei kontrolliert zu werden.

Schutzstatus gilt für alle Menschen

Rund 4,33 Millionen Menschen aus der Ukraine mit temporärem Schutzstatus lebten Ende März 2026 nach Angaben von Eurostat in der EU. Etwa ein Viertel davon sind Männer zwischen 18 und 64 Jahren. Damit könnte sich bis zu einer Million Männer im wehrfähigen Alter in Europa aufhalten. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge befinden sich ungefähr 350 000 davon in Deutschland.

Bei Connection, einem Verein, der Kriegsdienstverweigerer unterstützt, ist man besorgt über die Stimmen, die eine Rückkehr ukrainischer Männer in die Ukraine fordern. »Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist eindeutig im Grundgesetz festgeschrieben«, argumentiert Artjom Klyga vom Verein gegenüber »nd«.

Zudem, so Klyga, basiere der temporäre Schutzstatus für Ukrainer auf einer EU-Richtlinie, die keine Unterscheidung zwischen Wehrpflichtigen und anderen Geflüchteten vorsieht. Eine selektive Aberkennung des Schutzstatus ausschließlich für Männer im wehrfähigen Alter könnte daher als Diskriminierung gewertet werden.

Deutschland erhöht den Druck auf Ukrainer

Der temporäre Schutzstatus für Ukrainer wird im März 2027 ablaufen. Ob er dann für ein weiteres Jahr verlängert wird, oder dann individuell über das Recht auf Aufenthalt entschieden wird, ist noch unklar. Möglicherweise müssen dann viele Ukrainer ihren Aufenthalt über Arbeitsvisa, Studium, Familiennachzug oder andere Aufenthaltstitel absichern. Insgesamt ist es fraglich, ob eine gezielte Abschiebung ukrainischer Männer juristisch und organisatorisch überhaupt umsetzbar ist.

Offensichtlich setzt man eher auf sanften Druck und Anreize für eine freiwillige Ausreise. Bereits jetzt verschärft Deutschland die Bedingungen für Sozialleistungen. Gleichzeitig entstanden sogenannte Unity Hubs, Beratungszentren für Ukrainer, die eine freiwillige Rückkehr vorbereiten sollen.

Deutlich schlechter gestellt sind ukrainische Flüchtlinge in anderen europäischen Ländern. Norwegen kündigte bereits an, ukrainischen Männern zwischen 18 und 60 Jahren künftig keinen automatischen kollektiven Schutz mehr zu gewähren. Neue Antragsteller sollen reguläre Asylverfahren durchlaufen.

Verweigerer polarisieren die ukrainische Gesellschaft

Die Diskussion über ukrainische Männer im Ausland spaltet inzwischen sowohl die ukrainische als auch die europäische Öffentlichkeit. Kritiker werfen wehrfähigen Männern vor, sich der Mobilisierung zu entziehen, während andere ihr Leben für den Schutz des Vaterlands aufs Spiel setzten. Die Menschenrechtlerin Tamila Bespala, Leiterin des Charkiwer Büros der Charkiwer Menschenrechtsgruppe, blickt pessimistisch in die Zukunft. »Wenn der Krieg zu Ende ist, werden schwer traumatisierte Männer zurückkehren. Und sie werden bewaffnet sein.« Schon jetzt gebe es eine Polarisierung in der Gesellschaft zwischen denen, deren Angehörige an der Front seien, und denen, deren Männer sich zu Hause versteckten.

Mindestens ein ukrainischer Kriegsdienstverweigerer ist bereits ausgeliefert worden. Am 7. April 2025, so berichtet Martin Singe im jüngst erschienenen »Grundrechtereport 2026«, sei ein Ukrainer, der Asyl beantragt habe, weil er aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigert habe, an die Ukraine ausgeliefert worden. Dem namentlich nicht genannten Mann wird von den ukrainischen Behörden ein strafbarer Angriff auf einen Polizeibeamten vorgeworfen.