Pro Asyl zu den Fluchtbewegungen im Iran und in angrenzenden Regionen

07.05.2026 Aus den News von Pro Asyl:

Der aktuelle Krieg zwischen USA und Israel gegen Iran hat sich zu einem Flächenbrand ausgeweitet. Zudem beschießen sich Afghanistan und Pakistan. Wir haben uns die daraus entstehenden neuen Fluchtdynamiken in der Region angeschaut und fordern von der Bundesregierung: Hört auf mit alarmistischen Massenfluchtsfantasien und schafft sichere Fluchtwege!

Der aktuelle Krieg zwischen den USA und Israel gegen die Islamische Republik Iran hat sich zu einem Flächenbrand ausgeweitet. Parallel dazu finden besonders seit Februar 2026 verstärkt Kampfhandlungen zwischen Afghanistan und Pakistan statt. Die Auswirkungen greifen tief ineinander: Luftangriffe und Raketenbeschuss prägen das Leben der Menschen in mehreren Ländern der Region. Binnenvertreibungen, erzwungene Rückkehrbewegungen und neue Fluchten ins Ausland überlagern sich. Besonders deutlich wird dies derzeit im Iran, in Afghanistan sowie am Grenzübergang Libanon-Syrien.

In Deutschland wird diese Entwicklung vor allem unter fluchtpolitischen Vorzeichen diskutiert. Bundeskanzler Friedrich Merz warnte: »Wir möchten kein syrisches Szenario erleben.« Auch der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetovic, verwies darauf, dass frühere Kriege in der Region regelmäßig große Fluchtbewegungen ausgelöst hätten: »Wir versuchen gerade, Migration nach Europa zu ordnen. Das wird jetzt schwerer.« Laut ihm könne es »Millionen von Menschen« geben, die nach Europa fliehen, Deutschland sei nicht bereit »für einen neuen ‘Wir schaffen das’-Moment«. Dabei konzentrieren sich die Fluchtwege vor allem auf die Regionen vor Ort.

Die Binnenvertreibung setzt besonders die im Iran lebenden Geflüchteten, vor allem aus Afghanistan, unter Druck: Sie verfügen häufig über keine stabilen Unterstützungsnetzwerke.

3,2 Mio. Menschen innerhalb Irans auf der Flucht

Iran: Millionen auf der Flucht im eigenen Land

Mit dem Ausbruch des Krieges am 28. Februar 2026 hat sich die humanitäre Lage in Iran dramatisch zugespitzt. Mitte März 2026 gehen erste Schätzungen davon aus, dass bis zu 3,2 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht sind. Die Betroffenen verlassen vor allem urbane Zentren wie Teheran und suchen Schutz in nördlichen Landesteilen oder ländlichen Regionen.

Die Binnenvertreibung setzt besonders die im Iran lebenden Geflüchteten, vor allem aus Afghanistan, unter Druck: Sie verfügen häufig über keine stabilen Unterstützungsnetzwerke und der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen ist vielerorts eingeschränkt, weil die Aufnahmefähigkeit der Zielregionen begrenzt ist. Viele verlassen die Gebiete und erleben damit erneut Vertreibung.

110.000 geflüchtete Afghan*innen aus dem Iran nach Afghanistan zurückgekehrt

Afghanische Geflüchtete erneut zur Flucht gedrängt

Bereits in diesem Jahr sind bis Mitte März rund 110.000 geflüchtete Afghan*innen aus dem Iran nach Afghanistan zurückgekehrt – im Schnitt etwa 1.700 pro Tag seit Beginn der Bombardierungen. Bereits in den vergangenen zwei Jahren kehrten über fünf Millionen Afghan*innen aus Nachbarstaaten zurück, allein 2025 etwa 1,9 Millionen aus dem Iran. Es ist das Ergebnis eines wachsenden Rückkehrdrucks, der weniger freiwillig erfolgt, als vielmehr durch Unsicherheit, fehlende Perspektiven und politische Maßnahmen in den Aufnahmeländern bedingt ist.

Gleichzeitig bleibt die Situation an der Grenze zu Pakistan angespannt: Mehr als 160.000 Afghan*innen sind bereits in diesem Jahr von Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt. Hinzu kommt eine neue Dimension von Gewalt innerhalb Afghanistans selbst, ausgelöst durch den kriegerischen Konflikt mit Pakistan. Am 27. Februar 2026 erklärte Pakistan Afghanistan den »offenen Krieg«. Bis Anfang März wurden infolge der Luftangriffe mindestens 115.000 Menschen innerhalb Afghanistans vertrieben.

Libanon-Syrien: Wenn Schutzräume zusammenbrechen

Im Libanon haben die jüngsten Kriegshandlungen innerhalb kürzester Zeit eine der schwersten humanitären Krisen der Region ausgelöst. Seit Anfang März sahen sich mit über 1,2 Millionen Menschen rund ein Fünftel der Bevölkerung zur Flucht gezwungen, meist innerhalb des eigenen Landes, darunter etwa 350.000 Kinder. Die Vertreibungen erstrecken sich über das gesamte Land, vom Süden über die Bekaa-Ebene bis nach Beirut und in den Norden.

Viele Menschen fliehen bereits zum zweiten oder dritten Mal und kehren teilweise in dieselben provisorischen Unterkünfte zurück.

Auffällig ist dabei die hohe Zahl an Mehrfachvertriebenen: Viele Menschen fliehen bereits zum zweiten oder dritten Mal und kehren teilweise in dieselben provisorischen Unterkünfte zurück, die sie schon in früheren Krisen genutzt haben. Die humanitäre Infrastruktur ist entsprechend überlastet. Mehr als 136.000 Menschen leben in rund 660 Sammelunterkünften – überwiegend Schulen –, die weit über ihre Kapazitäten hinaus belegt sind. Enge, mangelnde Sanitärversorgung und fehlende Privatsphäre erhöhen das Risiko von Gewalt, Ausbeutung und gesundheitlichen Problemen erheblich, besonders für vulnerable Personengruppen.

200,000 syrische Menschen haben den Libanon verlassen

Gleichzeitig kommt es zu grenzüberschreitenden Fluchtbewegungen: Zwischen dem 2. und 27. März haben mehr als 200.000 überwiegend syrische Menschen den Libanon in Richtung Syrien verlassen. Viele von ihnen sind ehemalige Geflüchtete, die nun erneut zur Flucht gezwungen sind. Unter ihnen befinden sich auch über 28.000 Libanes*innen. Traumatisiert und erschöpft in Syrien angekommen, verfügen die meisten kaum über Hab und Gut. Sie treffen auf eine ebenfalls desaströse humanitäre Lage und einen Mangel an nötigen Mittel, um adäquat aufgenommen zu werden.

Iraner*innen brauchen mehr Schutz im Asylverfahren und humanitäre Aufnahme

Fluchtdynamiken konzentrieren sich auf die Region

In Iran konzentriert sich die Flucht aktuell fast ausschließlich auf Binnenbewegungen, grenzüberschreitende Migration spielt nur eine untergeordnete Rolle. Nach verfügbaren Daten sind bislang rund 17.400 Menschen aus Iran in die Türkei ausgereist, was im Verhältnis zur massiven Binnenvertreibung eine vergleichsweise geringe Zahl darstellt.

Auch im Libanon handelt es sich bislang vor allem um Binnenvertreibungen und regionale Fluchtbewegungen, etwa nach Syrien. Eine Ausweitung in Richtung Europa ist derzeit nicht erkennbar.

Gleichzeitig deuten langfristige Befragungsdaten der ROCKWOOL Foundation Berlin darauf hin, dass Europa und insbesondere Deutschland für viele Menschen aus der Region ein zentrales Zielland bleibt: 28 Prozent der befragten Iraner*innen nennen Deutschland als wahrscheinlichstes Ziel im Falle einer Auswanderung. Im Libanon sind es 14 Prozent der Menschen, die Deutschland als erste Fluchtoption sehen, und damit an zweiter Stelle hinter dem Hauptzielland Kanada.

Diese Diskrepanz zwischen theoretischen Flucht- und Migrationszielen und den tatsächlichen aktuellen Fluchtbewegungen begrenzt auf die Region macht deutlich, dass politische Warnungen vor unmittelbar steigenden Ankunftszahlen in Europa derzeit kaum empirisch gedeckt sind, auch wenn sich dies bei einer weiteren Eskalation der Konflikte mittel- bis langfristig ändern kann.

Angesichts des Krieges helfen alarmistische Warnungen vor möglichen Fluchtbewegungen nach Europa wenig. Vielmehr sollte die Bundesregierung jetzt die Weichen für sichere Zugangswege stellen.

Humanitäre Verantwortung ernst nehmen und Zugangswege schaffen

Angesichts des Krieges im Iran und der militärischen Konflikte zwischen Pakistan und Afghanistan helfen alarmistische Warnungen vor möglichen Fluchtbewegungen nach Europa herzlich wenig. Vielmehr sollte die Bundesregierung ins Handeln kommen und jetzt die Weichen für sichere Zugangswege zu Schutz in Deutschland stellen – noch besteht ein Zeitfenster, um die humanitäre Aufnahme strategisch vorzubereiten.

Dazu gehört insbesondere die Ausweitung und personelle Stärkung von Visastellen in Drittstaaten wie der Türkei oder dem Irak, um Menschen aus Iran überhaupt einen sicheren Zugang zu humanitären Aufnahmeprogrammen und Familiennachzugsverfahren zu ermöglichen.

Policy Paper Die Menschenrechtslage im Iran und die deutsche Asylpraxis

Die konsequente Umsetzung des Rechts auf Familiennachzug und die Beschleunigung der entsprechenden Verfahren sind von großer Bedeutung. Gerade angesichts der multiplen Krisen in der Region kann dieses Instrument ein entscheidender Schutzfaktor sein und zugleich gefährliche Fluchten reduzieren. Die bestehenden Hürden – lange Wartezeiten, bürokratische Verfahren und Restriktionen – stehen diesem Ziel aktuell massiv im Weg.

Darüber hinaus sollten sogenannte humanitäre Visa nach Paragraph 22 Aufenthaltsgesetz deutlich ausgeweitet und systematischer genutzt werden. Dieses Instrument ermöglicht es, besonders schutzbedürftigen Personen einen direkten und sicheren Zugang nach Deutschland zu eröffnen. Dies wird seit Amtsantritt des Bundesinnenministers Alexander Dobrindt (CSU) nur sehr zurückhaltend eingesetzt. Angesichts der aktuellen Lage in der Region wäre eine aktive Anwendung moralisch und politisch geboten.

Für afghanische Geflüchtete ist das Gebot der Stunde, endlich das Bundesaufnahmeprogramm verlässlich umzusetzen und alle Aufnahmezusagen einzulösen. Dazu gehören auch jene Personen, die noch immer in Pakistan ausharren. Dass die Bundesregierung stattdessen diese Zusagen widerruft, ist rechtsstaatlich höchst bedenklich.

Deutschland und die Europäische Union haben einen Handlungsspielraum. Wer erst reagiert, wenn Schutzsuchende hier ankommen, reagiert zu spät. Eine vorausschauende Politik würde sichere Fluchtwege schaffen, Aufnahme koordinieren und damit sowohl Schutz gewährleisten als auch politische Steuerungsfähigkeit beweisen.