Studie „Gesundheitssystem bleibt für Geflüchtete in den ersten Jahren nach Ankunft schwer zugänglich“ veröffentlicht

01.06.2026 Aus dem Schnellinfo_5 des Flüchtlingsrates NRW:

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat im Mai 2026 im DIW Wochenbericht 22/2026 die Studie „Gesundheitssystem bleibt für Geflüchtete in den ersten Jahren nach Ankunft
schwer zugänglich“ veröffentlicht. Auf Grundlage der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Flüchtlingen
(repräsentative Befragung von Geflüchtetenhaushalten in Deutschland) zeigen die Autorinnen anhand von Daten aus den Jahren 2023 und 2024, dass Schutzsuchende in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft häufig auf erhebliche Hürden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung stoßen. Dazu gehören lange Wartezeiten, große Entfernungen zu medizinischen Angeboten, finanzielle Belastungen sowie Schwierigkeiten, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden. Die Autorinnen machen deutlich, dass vielen Flüchtlingen insbesondere die Suche nach professioneller Hilfe, das Verständnis medizinischer Abläufe sowie die Einordnung von Informationen zu Vorsorge und Behandlungsmöglichkeiten schwerfallen würden. Sie sprechen sich daher für den Abbau rechtlicher und organisatorischer Zugangshürden, niedrigschwellige Unterstützungsangebote, professionelle Sprachmittlung und Gesundheitslotsinnen aus.

Hier der Bericht:

DIW Wochenbericht 22 / 2026, S. 331-337 Gesundheitssystem bleibt für Geflüchtete in den ersten Jahren nach Ankunft schwer zugänglich

  • Nach ihrer Ankunft in Deutschland weisen viele Geflüchtete einen erhöhten medizinischen Versorgungsbedarf auf
  • Hürden zur bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung sind wahrgenommene lange Wartezeiten, große Entfernungen und hohe Kosten
  • Weitere Herausforderungen sind die Suche nach passender Hilfe und das Verständnis medizinischer Abläufe
  • Schwierigkeiten betreffen sowohl Geflüchtete aus der Ukraine als auch anderen Herkunftsländern, variieren aber je nach Aufenthaltsdauer

 

„Eine verzögerte Behandlung kann dazu führen, dass medizinische Probleme ­verschleppt und unter Umständen erst im Notfall behandelt werden. Das hat auch ­ökonomische Folgen, da die Behandlung dann meist kostspieliger ist.“ Louise Biddle

Geflüchtete Menschen benötigen direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland oft verstärkt medizinische Versorgung. Belastende Erlebnisse vor und während der Flucht sowie die schwierigen Lebensbedingungen in der ersten Zeit nach der Ankunft wirken sich häufig negativ auf die körperliche und psychische Gesundheit aus.info Daher ist eine zeitnahe Gesundheitsversorgung essenziell – nicht nur für die individuelle Gesundheit, sondern auch aus ökonomischer Sicht. Je länger Krankheiten unbehandelt bleiben, desto kostspieliger wird in der Regel deren Behandlung.info

Doch Geflüchtete stoßen in Deutschland auf zahlreiche Hürden, wenn sie medizinische Hilfe suchen. Für Asylsuchende gilt zunächst das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG), das Leistungen auf akute Erkrankungen, Schmerzzustände, medizinisch gebotene Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschaftsbehandlungen und Impfungen beschränkt.info Weitergehende Behandlungen hängen vom Ermessen der Ärzt*innen und Sozialämter ab.

Geflüchtete aus der Ukraine unterliegen derzeit nicht dem Asylbewerberleistungsgesetz. Durch die Aktivierung der EU-Richtlinie zum vorübergehenden Schutz erhalten sie seit Juni 2022 einen temporären Aufenthaltsstatus nach § 24 Aufenthaltsgesetz. Damit verbunden sind Sozialleistungen und ein Anspruch auf Gesundheitsversorgung, welche den von Personen mit regulärem Aufenthalt entsprechen. Ihre Behandlung erfolgt regulär über die Krankenkassen.

Neben den rechtlichen Einschränkungen bestehen sowohl für Geflüchtete aus der Ukraine als auch aus anderen Herkunftsländern weitere Hürden, die den Zugang zur medizinischen Versorgung erschweren. Studien nennen vor allem Sprachbarrieren und fehlende Orientierung im Gesundheitssystem.info Medizinische Übersetzungsdienste werden meist nicht finanziert. Die Sprachmittlung durch Familien und Freund*innen kann die notwendige Privatsphäre gefährden. Die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems führt zudem häufig zu Problemen in der Orientierung, der Kommunikation und der Weiterleitung zu Fachärzten*innen.info Auch bürokratische Hindernisse, zum Beispiel in der Ausstellung von elektronischen Gesundheitskarten oder Versicherungsscheinen, sind bekannt.info

Bisherige Erkenntnisse zu Hürden stammen vor allem aus qualitativen Studien und kleinen, räumlich begrenzten Stichproben. Im Rahmen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten wurden 2023 und 2024 erstmalig national repräsentative Daten zur medizinischen Versorgung von Geflüchteten erhoben (Kasten). Dieser Wochenbericht vergleicht drei Gruppen: Geflüchtete aus der Ukraine mit Ankunft seit 2022, Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern mit Ankunft seit 2021 sowie Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern, die bereits zwischen 2013 und 2020 eingereist sind. So lassen sich Unterschiede im Zugang zur Gesundheitsversorgung auch nach Aufenthaltsdauer und rechtlichem Status analysieren.