Tod an Europas Grenzen: Ohne jede Spur – vom Sterben und Verschwinden auf der Balkanroute

03.08.2026 Aus den News von Pro Asyl:

Jedes Jahr sterben Geflüchtete auf der Balkanroute. Sie ertrinken, erfrieren, verunglücken. Viele dieser Todesfälle bleiben unsichtbar. KlikAktiv, eine serbische Partnerorganisation von PRO ASYL, hat nun untersucht, was mit Menschen geschieht, die auf der Flucht sterben – und mit ihren Familien zu Hause, die oft im Ungewissen bleiben.

Für viele geflüchtete Menschen ist Serbien die letzte Hürde auf ihrem Weg in die Europäische Union. Viele von ihnen haben meist schon Monate oder sogar Jahre der Flucht hinter sich. Das Ziel scheint zum Greifen nah: Nur noch die Grenze nach Kroatien, Ungarn oder Bulgarien trennt sie von der Hoffnung auf Sicherheit und ein Leben ohne Krieg und Verfolgung. Doch gerade auf diesem letzten Abschnitt wird die Flucht nochmal sehr gefährlich.

Die Flucht aus den kriegsgeschüttelten Regionen des Nahen Ostens, Zentralasiens und Afrikas nach Westeuropa führt diese Menschen durch Länder, von denen sie vor ihrem Aufbruch oft nie gehört hatten. Auch davon, was hier – auch im erklärten Interesse der EU – geschieht, hatten sie sich vorher keine Vorstellung gemacht.

KlikAktiv ist eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Belgrad in Serbien, einem dieser Länder. Sie setzt sich für marginalisierte Menschen und insbesondere für Geflüchtete und Migrant*innen ein. Die Kooperation zwischen klikAktiv und PRO ASYL besteht seit 2021. Jetzt hat klikAktiv mit der Unterstützung von PRO ASYL einen Bericht veröffentlicht (in englischer Sprache), der für die Balkanroute die Todesfälle und Fälle, in denen Menschen spurlos verschwunden sind, sichtbar macht: »Vanishing Without a Trace: Death and Disappearance in Serbia as part of the Balkan Route«.

Seit dem Bürgerkrieg in Syrien entwickelte sich die Balkanroute zu einem der wichtigsten Fluchtwege nach Europa. Im Jahr 2015 wurde der Weg über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und schließlich Österreich zur Hauptfluchtroute von Schutzsuchenden – vor allem aus den Kriegs- und Krisengebieten in Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Schrittweise Schließung der Balkonroute seit 2015

Nachdem Ungarn seine Grenze zu Serbien im September 2015 komplett geschlossen hatte, begann eine schrittweise Abschottung. Mitte September führte Deutschland wieder Grenzkontrollen ein. Im Oktober 2015 vereinbarten die Staaten entlang der Route (darunter Deutschland, Österreich, Kroatien, Slowenien, Serbien, Nordmazedonien und Griechenland) einen 17-Punkte-Aktionsplan, um die Fluchtbewegungen zu kontrollieren.

Im März 2016 wurde die Balkanroute als organisierter Transitkorridor faktisch geschlossen. Damit änderte sich die Situation grundlegend. Es kamen nicht weniger Menschen – ihre Wege wurden lediglich länger, gefährlicher und unsichtbarer. Grenzzäune, verschärfte Kontrollen und gewaltsame Zurückweisungen führten dazu, dass immer mehr Menschen abgelegene Wälder, Gebirge und Flüsse durchqueren mussten – und bis heute müssen. Gleichzeitig wurden sie immer stärker von Schleusernetzwerken abhängig.

Auch in Serbien hat sich die Situation für Geflüchtete und Migrant*innen immer weiter verschärft, berichtet klickAktiv. Weil Serbien das Nadelöhr der Westbalkanroute ist, das letzte Nicht-EU-Land, verüben Grenzpolizisten hier besonders viele gewaltsame Pushbacks. Die Stimmung in der Bevölkerung ist nach einer Phase des Willkommens stark nach rechts gekippt. Die Polizei geht immer häufiger mit Gewalt gegen Geflüchtete vor.

Den Schleuserbanden ausgeliefert

In der Folge ist auch die Skepsis von Geflüchteten und Migrant*innen gegenüber der Polizei und anderen staatlichen Institutionen gewachsen. Die Angst vor Abschiebungen oder Zurückweisungen ist groß. Deshalb stehen auch die staatlichen Aufnahmeeinrichtungen so gut wie leer. Die meisten Menschen gehen in inoffizielle Camps, die »squats«, und liefern sich damit den Schleusern aus, die diese Lager betreiben. Sie liegen an den Stadträndern, in Wäldern und zum Teil in den Grenzregionen. Von medizinischer Versorgung und humanitärer Hilfe sind die Schutzsuchenden dort weitgehend abgeschnitten.

Ihr höchstes Ziel: für den Staat unsichtbar zu bleiben, um es über die Grenze zu schaffen. Unter den Geflüchteten hat sich dafür der zynische Begriff »Game« eingebürgert. Ein »Spiel«, bei dem es um Leben und Tod geht. Immer wieder endet es für Schutzsuchende mit dem Tod.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen auf der Balkanroute sterben. Verschiedene Behörden führen unterschiedliche Listen – oder gar keine. Polizei, Staatsanwaltschaften, Gerichtsmedizin und Friedhofsverwaltungen arbeiten kaum zusammen. Dadurch ergeben sich widersprüchliche Zahlen, und viele Todesfälle werden überhaupt nicht registriert.

Mindestens 744 Tote in zehn Jahren auf der Balkanroute

Als Reaktion auf das staatliche Versagen hat ein Netzwerk aus NGOs und Aktivist*innen in den Balkanländern eine eigene Datenbank für Todesfälle erstellt: die »4D«-Datenbank. Laut den 4D«-Daten wurden zwischen 2015 und Ende 2025 auf der Balkanhalbinsel (vor allem in Kroatien, Slowenien, Serbien und Bosnien-Herzegowina) 744 Todesfälle registriert. Die Autor*innen des klikAktiv-Berichts vermuten, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher ist, da viele Todesfälle nicht gemeldet werden.

Wie gefährlich die Flucht über die Balkanroute ist, zeigen unzählige Einzelschicksale. Im November 2017 starb die sechsjährige Madina Hussiny aus Afghanistan an der serbisch-kroatischen Grenze. Ihre Familie war von kroatischen Behörden zurückgewiesen worden und sollte entlang der Bahngleise nach Serbien zurücklaufen. Dabei wurde das Mädchen von einem Zug erfasst und getötet. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied, dass hier Menschenrechte verletzt worden waren und verurteilte Kroatien wegen illegaler Pushbacks – doch bis heute wurde niemand für ihren Tod zur Verantwortung gezogen.

Eine häufige Todesursache ist Ertrinken. Besonders gefährlich ist die Drina, der Grenzfluss zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina. Immer wieder kommen hier Menschen ums Leben. Im August 2024 ertranken zwölf Menschen, nachdem Schleuser etwa 30 Personen in ein viel zu kleines Boot gesetzt hatten. Es sei gekentert, berichteten Überlebende. Unter den Verstorbenen war die zehn Monate alte Lana mit ihren Eltern. Drei ihrer Geschwister überlebten das Unglück. Erst nach einem langen bürokratischen Kampf konnten sie ein Jahr später zu Verwandten in die Niederlande ziehen.

Die Drina ist nur einer der tödlichen Flüsse entlang der Balkanroute. Auch in der Donau und der Theiß ertrinken Menschen. Andere verirren sich in den Bergen an der serbisch-bulgarischen Grenze, wo sie bei eisigen Temperaturen erschöpft sterben oder erfrieren. Immer wieder berichten Überlebende, dass sie unterwegs Leichen gesehen haben oder schwer verletzte Menschen zurücklassen mussten, weil sie aus Angst vor Polizei oder Pushbacks keinen Notruf wagten. Manche erzählen, sie hätten Verstorbene notdürftig mit Erde oder Laub bedeckt, weil sie keine andere Möglichkeit hatten.

Hinzu kommen tödliche Verkehrsunfälle, Schießereien zwischen rivalisierenden Schleusergruppen und lebensgefährliche Transportmethoden. Menschen werden in überfüllte Lieferwagen gepfercht, verstecken sich unter Lastwagen oder versuchen, auf Güterzügen Grenzen zu überwinden. Der Preis für die Hoffnung auf Sicherheit ist für viele das eigene Leben.

Quälende Ungewissheit für die Familien

Doch der Tod ist oft nicht das Ende der Geschichte, wie der Bericht deutlich macht. Es folgt ein zweites Verschwinden – aus den Akten, Datenbanken und Zuständigkeiten der Behörden. Auch hier versuchen NGOs wie klikAktiv, dagegen zu steuern. Eine besondere Herausforderung ist die Identifizierung der Verstorbenen. Viele besitzen keine Ausweispapiere mehr oder haben unterwegs falsche Namen angegeben. Häufig werden sie nur als »NN« – Nomen Nescio, unbekannter Name – registriert und auf kommunalen Friedhöfen beigesetzt. Ihre Gräber tragen lediglich eine Nummer oder die Buchstaben »NN«. Mit der Zeit verwittern selbst diese einfachen Kennzeichnungen.

Für die Familien der Verstorbenen ist diese Situation ein Albtraum, der oft nie endet. Eltern, Geschwister oder Ehepartner verlieren plötzlich jeden Kontakt. Vielleicht meldet ein Schleuser, jemand sei im Fluss ertrunken. Vielleicht berichtet ein Mitreisender von einem Unfall in den Bergen. Vielleicht hört die Familie einfach nie wieder etwas. Einen Beweis gibt es meist nicht. Viele hoffen deshalb jahrelang weiter, der Sohn oder die Tochter könnte in einer staatlichen Einrichtung für Geflüchtete, in einem Krankenhaus oder Gefängnis auftauchen.

INTERVIEW »Diese Ungewissheit ist wie Folter«  Amirs Familie erzählt

KlikAktiv erzählt die Geschichte des damals 15-jährigen Amir Khan aus Afghanistan. Er hatte sich 2021 auf den Weg nach Europa gemacht und von unterwegs Fotos, Videos, Standorte geschickt. Das letzte Lebenszeichen war ein Anruf von Amir bei seiner Familie am 24. November 2021. Er sei in Serbien und wolle jetzt die Grenze nach Bosnien überqueren. Kurz darauf erhielten die Eltern die Nachricht, Amir sei vermutlich beim Versuch, die Drina zu überqueren, ertrunken. Seine Leiche wurde jedoch nie gefunden.

In einem Gespräch mit PRO ASYL beschreiben Amirs Eltern, wie es ist, seit Jahren zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu leben: »Unsere Träume sagen uns, dass Amir lebt. Wir haben immer noch Hoffnung. Aber ein ganzes Leben lang zu warten, ohne jemals Gewissheit zu haben, wäre noch schmerzhafter, als an einem Tag zu erfahren, dass er nicht mehr am Leben ist. Nicht zu wissen, was mit ihm geschehen ist – darunter leiden wir am meisten. Jede Sekunde warten wir auf irgendeine Nachricht über ihn. Trauer ist etwas, das wir durchstehen könnten. Aber diese Ungewissheit ist wie Folter.«
Und diese Ungewissheit gehört zu den grausamsten Folgen der Flucht.

Menschen können trauern, wenn sie Abschied nehmen dürfen. Sie könnten ein Grab besuchen, Blumen niederlegen und Gewissheit finden. Den Familien der Vermissten bleibt all das verwehrt.

Hinter jeder Zahl steht ein Mensch mit einer Geschichte, mit Hoffnungen. Und Angehörige, die auf Nachricht warten. Wer auf der Flucht stirbt, darf nicht ein zweites Mal verschwinden – in anonymen Gräbern, lückenhaften Akten oder bürokratischer Gleichgültigkeit, sind die Autor*innen des Berichts überzeugt. Jeder Mensch hat das Recht auf einen Namen, auf eine würdevolle Bestattung und darauf, dass seine Familie erfährt, was geschehen ist. Niemand sollte spurlos verschwinden, weil er eine Grenze überquert hat. Und keine Familie sollte für immer im Ungewissen bleiben.

 

DNA-Tests müssen Standard werden

Dabei gäbe es Möglichkeiten, dieses Leid zu verringern. Eine davon ist der DNA-Test. Formal hat Serbien Verfahren zur Identifizierung von Leichen. Diese werden in der Praxis aber oft nicht durchgeführt. Grund dafür, erläutert klikAktiv, ist neben einem Mangel an Ressourcen auch fehlendes Interesse der Behörden, wenn die Verstorbenen aus dem Ausland kommen und die Angehörigen weit weg sind.

KlikAktiv und andere zivilgesellschaftliche Akteure fordern deshalb einen standardisierten Mechanismus, bei dem Forensiker DNA-Proben von unidentifizierten Leichen entnehmen und aufbewahren, um sie später mit potenziellen DNA-Proben von Angehörigen zu vergleichen. Dazu gehört auch der politische Wille, diese Informationen auszutauschen, damit es zu einem Ergebnis führt.

Der Bericht beschreibt ein good practice-Beispiel aus Bosnien und Herzegowina. Hier ist eine Kooperation zwischen der Staatsanwaltschaft und dem International Commission on Missing Persons (ICMP) zustande gekommen, um Menschen, die in der Drina ertrunken sind und am bosnischen Flussufer gefunden wurden, zu identifizieren. Die derzeitige Untersuchung betrifft 30 Personen. NGOs und Aktivist*innen haben Familien informiert und sie um ihre DNA gebeten. Auch Amirs Eltern haben ihre DNA nach Bosnien geschickt. Ihre größte Hoffnung: Gewissheit. Sie rechnen jetzt jeden Tag mit dem Untersuchungsergebnis.

Die Autor*innen des Berichts ziehen eine klare Schlussfolgerung: Die zahlreichen Todesfälle sind nicht allein eine Folge gefährlicher Fluchtwege. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen. Restriktive Grenzpolitik, gewaltsame Zurückweisungen, fehlende legale Fluchtwege und die wachsende Abhängigkeit von Schleusern haben die Balkanroute zu einer lebensgefährlichen Fluchtroute gemacht. Gleichzeitig fehlen funktionierende Systeme, um Verstorbene zu identifizieren und ihren Familien Gewissheit zu geben.