Verschollen auf der Balkanroute: »Diese Ungewissheit ist wie Folter«

31.07.2026 Aus den News von Pro Asyl: 

Im Jahr 2021 begab sich der 15-jährige Amir aus Afghanistan auf die Flucht nach Europa. In Serbien reißt seine Spur ab. Er soll im Grenzfluss Drina zwischen Serbien und Bosnien und Herzegowina ertrunken sein. Seine Leiche wurde jedoch nie gefunden. Amirs Eltern erzählen, warum die Ungewissheit quälender ist als der Tod.

Erinnert Ihr Euch daran, wie alles begann? War es Amirs eigene Idee, das Land zu verlassen? 

Aimal Khan (Vater): Amir ist am Freitag, den 3. Juni 2021, von zuhause aufgebrochen. Wir wussten erstmal gar nicht, dass er gegangen war. Einige Tage lang haben wir nichts von ihm gehört. Als er schon fast im Iran war, hat er uns angerufen. Wir haben versucht, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Doch er wollte seinen Weg fortsetzen. Er hat uns gebeten, ihm Geld zu schicken.

Wir saßen hier zusammen und haben für ihn gebetet. Es war klar, dass er nicht zurückkehren würde. Also haben wir Geld an die verschiedenen Schleuser geschickt, mit denen er auf seiner Reise in Kontakt kam. Wir hatten keine andere Wahl. Also haben wir den Goldschmuck und die Ohrringe seiner Mutter verkauft.

Es hat 15 Tage gedauert, bis er den Iran erreicht hat. Danach sagte er: »Ich möchte weitergehen.« Und dann hat er sich auf den gefährlichen Weg über die Berge und durch die Steppe in die Türkei gemacht. Er brauchte erneut Geld, und wir schickten ihm umgerechnet 3.200 Euro. Irgendwann wurde er von Schleusern festgehalten. Zwei Wochen lang ließen sie ihn nicht weiterreisen.

Einen Monat später hat er Serbien erreicht. Dort blieb er sieben Tage im Lager Preševo. Wir kennen die Namen der meisten Städte, durch die er gereist ist, weil er uns Nachrichten geschickt hat. Die Screenshots davon haben wir bis heute. Seine gesamte Reise dauerte sechs Monate.

Was geschah dann?

Er hat uns Fotos geschickt, als er sich auf den Weg zur Grenze zwischen Serbien und Bosnien machte. Am 24. November 2021 hat er uns aus Serbien angerufen. Da war er gerade im »Afghan Park« in Belgrad, einem Park, in dem sich die Menschen auf ihrer Flucht treffen und austauschen. Er sagte zu mir: »Vater, wir haben die Zugtickets und fahren jetzt zur Grenze.« Damals wussten wir nicht, welche Grenze er meinte. Heute wissen wir, dass es die Grenze zu Bosnien war.

Das war das letzte Mal, dass wir von ihm gehört haben. Der 24. November 2021. Manche Leute sagen, er sei von wilden Tieren gefressen worden, andere behaupten, er sei in einem Fluss ertrunken. Wir haben bis heute keinerlei Informationen über Amir. Wir wissen nicht, wo er ist.

Dasselbe gilt für zwei seiner Freunde aus Afghanistan. Auch sie werden vermisst. Jemand hat uns angerufen und uns gesagt, alle drei seien in einem Fluss ertrunken.

»Manche Leute sagen, er sei von wilden Tieren gefressen worden, andere behaupten, er sei in einem Fluss ertrunken. Wir haben bis heute keinerlei Informationen über Amir. Wir wissen nicht, wo er ist.«  Aimal

Kannte Amir die beiden jungen Männer schon vorher?

Aimal: Er hatte sie in der Türkei kennengelernt, und noch einen dritten. Sie haben zu Amir gesagt, dass er nicht mit Schleusern reisen solle, sondern mit ihnen. »Wir bringen dich nach Serbien«, sagten sie. Also ist er gemeinsam mit ihnen nach Serbien gereist, und sie wurden Freunde. Auf den Fotos kann man die vier zusammen sehen. Einer der Jungen, mit denen Amir unterwegs war, ist heute in der Schweiz. Er lebt.

Wie würdet Ihr Amir beschreiben? Wart Ihr überrascht, dass er ganz allein nach Europa aufbrechen wollte, oder entsprach das seinem Wesen?

Bibi Zarghuna (Mutter): Amir ist ein sehr ausgeglichener und freundlicher Mensch. Er ist immer gut mit allen ausgekommen und hatte enge Freundschaften. Selbst sein Essen hat er mit seinen Freunden geteilt. Er ist einfach ein guter Mensch.

Er hat die Schule bis zur vierten Klasse besucht. Wegen unserer finanziellen Schwierigkeiten konnten wir dann das Schulgeld nicht mehr bezahlen. Deshalb habe ich ihn in eine Schmuckwerkstatt gebracht, wo er Armbänder herstellte. Amir war noch sehr jung, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, als er dort anfing. Damals haben wir in Jalalabad in Afghanistan gelebt. Er hat bei seinen Meistern Qasim und Nasim Jeweler in der Bangri-Walano-Straße gearbeitet. Heute wohnen wir in einer afghanischen Siedlung in Pakistan.

Was hatte Amir vor? 

Bibi Zarghuna: Wenn wir zusammensaßen, sagte er immer: »Ich habe Träume. Ich möchte Geld verdienen und ein gutes Einkommen haben. Ich möchte die Träume meiner Schwestern verwirklichen.« Er hat unsere Schwierigkeiten gesehen und wollte uns helfen.

Als 2021 die Taliban Afghanistan übernommen haben, sind wir nach Pakistan geflohen. Amir war darüber sehr unglücklich. Nach einem Monat ist er nach Afghanistan zurückgekehrt und hat da bei seinem Onkel in Kabul gelebt.

Bibi Zarghuna, wie viele Kinder habt Ihr? 

Bibi Zarghuna: Ich habe drei Söhne und fünf Töchter – insgesamt acht Kinder, einschließlich Amir. Zwei Töchter und ein Sohn sind älter als er. Amir war mein viertes Kind. Amir war unsere größte Hoffnung. Wir glaubten, dass er eines Tages der Familie helfen würde. Unser ältester Sohn hat psychische Probleme. Jetzt will er Amir nachgehen. Er ist 21. Er will Amir suchen.

Wie erlebt Ihr diese schwere Situation als Familie? Sprecht Ihr oft über Amir, oder ist das zu schmerzhaft?

Bibi Zarghuna: Wir sprechen jeden Tag über Amir. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht an ihn denken oder über ihn reden. Und jedes Mal trauern wir erneut. Eigentlich trauern wir jeden einzelnen Tag. Besonders sein älterer Bruder leidet sehr unter seinem Verschwinden.

Und wie sind die Nächte? Findet Ihr da etwas Ruhe?

Bibi Zarghuna: Wir wachen auf, setzen uns zusammen und sprechen über ihn. Wir erinnern uns an alles, was er gesagt hat. Wir schauen uns seine Videos und Fotos an. Nicht einmal fünf Minuten lang können wir ihn vergessen.

Tamana (jüngste Schwester): Ich habe zu unserer Mutter gesagt: »Amir wird zurückkommen. Wir dürfen ihn nicht vergessen.« Ich habe viel gebetet. Dann erschien Amir in meinem Traum. Er sagte mir, dass er lebt. Dass er bei brutalen, gewalttätigen Menschen gewesen ist, aber lebt.

»Nicht zu wissen, was mit ihm geschehen ist – darunter leiden wir am meisten. Jede Sekunde warten wir auf irgendeine Nachricht über ihn.«  Amil

Derzeit läuft ein Projekt der Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP), bei dem DNA-Proben von in Bosnien gefundenen Leichen und den Familien von Verstorbenen untersucht werden. Ihr nehmt daran teil.

Aimal: Ja. Wir haben unsere DNA-Proben nach Bosnien geschickt.

Was erhofft Ihr Euch von diesem DNA-Test?

Aimal: Bis heute hat uns niemand das Ergebnis des DNA-Tests mitgeteilt. Wir erwarten gute Nachrichten. Wir hoffen, dass Amir lebt. Dass er nicht unter den Toten ist. Unsere ganze Familie glaubt daran, dass er noch am Leben ist. Wir denken nicht, dass er tot ist.

Bibi Zarghuna: Bitte – wenn irgendjemand Informationen über Amir hat, teilen Sie sie uns mit. Wenn er lebt, möge Gott ihn zu uns zurückbringen. Wenn ihm etwas Schlimmes zugestoßen ist, dann sagen Sie es uns bitte. Das würde meinen Schmerz lindern.

Wir leben ohnehin mit Krankheit, Armut und großem Kummer. Jetzt tragen wir zusätzlich diesen Schmerz der Ungewissheit. Wir müssen einfach wissen, ob er lebt.

Ich kann mir vorstellen, dass diese Ungewissheit sehr schmerzhaft ist. Wenn Ihr an die DNA-Tests denkt: Wäre es Euch lieber, seinen Leichnam zu finden als überhaupt nichts über sein Schicksal zu wissen?

Amil: Unsere Träume sagen uns, dass Amir lebt. Wir haben immer noch Hoffnung. Aber ein ganzes Leben lang zu warten, ohne jemals Gewissheit zu haben, wäre noch schmerzhafter, als an einem Tag zu erfahren, dass er nicht mehr am Leben ist. Nicht zu wissen, was mit ihm geschehen ist – darunter leiden wir am meisten. Jede Sekunde warten wir auf irgendeine Nachricht über ihn. Trauer ist etwas, das wir durchstehen könnten. Aber diese Ungewissheit ist wie Folter.

Den Kontakt zu Familie Khan haben wir über unsere serbische Partnerorganisation klikAktiv bekommen. KlikAktiv hat im Juli 2026, unterstützt von PRO ASYL, einen Bericht zu Todesfällen und Fällen von Verschwinden auf der Balkanroute veröffentlicht, den wir hier zusammenfassen. Amirs Geschichte ist einer der Einzelfälle, von dem der Bericht erzählt. Das Interview wurde von Agnes Lisa Wegner mit Hilfe einer Dolmetscherin geführt.