Worauf ist der Rückgang der Asylzahlen zurückzuführen?

07.01.2026 Während Dobrindt die zurückgegangene Zahl von Asylanträgen als Folge seines harten Vorgehens der "Migrationswende" erklärt und dies als seinen Erfolg beansprucht, widerspricht ihm Migrationsexperte Gerald Knaus:

Der Migrationsforscher Gerald Knaus sieht als Gründe für den Rückgang der Asylbewerberzahlen nicht in erster Linie die verschärfte Regierungslinie und die Grenzkontrollen. Vor allem das Ende des Bürgerkrieges in Syrien 2024 habe dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr ihre Heimat verlassen. Entscheidend sei die Lage in den Herkunftsländern der Migranten, so Migrationsexperte Knaus. Die monatlichen Zahlen der Asylanträge seien vor und nach Einführung der verstärkten Grenzkontrollen im Mai gleichgeblieben, bei rund 9000 pro Monat.

"Die Nummer 1 Nationalität, die in den letzten 10 Jahren nach Deutschland gekommen ist, um Schutz zu beantragen, kommt nicht mehr. Das ist der große Wandel, der andauernde Folgen haben wird, wenn er anhält. Das ist sehr wenig und hat fast nichts mit Kontrollen an der deutsch-polnischen oder deutsch-österreichischen Grenze zu tun", sagte Gerald Knaus von der Denkfabrik "Europäische Stabilitätsinitiative" (ESI) der DW.

Viel wichtiger als Grenzkontrollen und nationale Maßnahmen seien die Beschlüsse der Europäischen Union vom Dezember 2025, die es demnächst erlaubten, Abkommen mit Drittstaaten über die Rücknahme von Migranten zu schließen...

"Wenn die EU diese Option nutzt, könnte die Zahl der Menschen, die heute noch auf der Mittelmeerroute irregulär unterwegs sind, drastisch sinken", empfiehlt Migrationsforscher Knaus. Die Menschen würden die Flucht über das Meer nicht wagen, wenn sie wissen, dass sie in der EU nicht bleiben können.

 

Diese Zitate sind dem Beitrag der Deutschen Welle entnommen:

Mit einem harten Kurs wollte Innenminister Dobrindt die Asylbewerberzahlen senken. Das ist auf den ersten Blick gelungen, aber der Grund für sinkende Zahlen ist wohl nicht die "Migrationswende".

Zum Jahreswechsel hat der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) eine positive Bilanz seiner "Migrationswende" gezogen. Die Zahl der Erstanträge auf Asyl ist in Deutschland laut Bundesinnenminister im abgelaufenen Jahr 2025 auf etwa 113.000 gesunken - und damit 50 Prozent weniger als noch im Jahr zuvor. Dobrindts Ministerium führt die sinkende Zahl auf die seit Regierungsantritt im Mai praktizierten strengen Grenzkontrollen und Zurückweisungen auch von Asylsuchenden direkt an den Grenzen zurück.

Seit Mai kontrolliert die Bundespolizei mit großem personellem Aufwand stichprobenartig an allen Landgrenzen der Bundesrepublik. Rund 21.000 Menschen wurden nach Angaben der Bundespolizei wegen mangelnder Reisedokumente direkt abgewiesen. Rund 1000 von ihnen hatten ein Asylbegehren gegenüber den Beamten vorgebracht und durften nicht einreisen, obwohl sie einen Anspruch auf ein Verfahren hätten. Diesen Anspruch haben Gerichte in Einzelfällen bestätigt. Das Bundesinnenministerium beruft sich weiter darauf, dass entsprechendes europäisches Asylrecht nicht angewendet werden müsse, weil Deutschland sich in einer "Notlage" befände.

Gegenüber der Bild-Zeitung sagte Innenminister Dobrindt, er ordne mit Klarheit und Konsequenz das Migrationsgeschehen. "Wer keinen Schutzanspruch hat, soll nicht kommen - wer Straftäter wird, muss gehen. Das klare Signal aus Deutschland heraus, dass sich die Migrationspolitik in Europa geändert hat, ist in der Welt angekommen", erklärte Dobrindt. Die neue Regierung hat neben anderen Maßnahmen die Zusammenführung der Familien von Asylbewerbern gestoppt. Zuvor konnten so 1000 Personen pro Monat einreisen.

"Mit Grenzkontrollen hat das fast nichts zu tun"

Der Migrationsforscher Gerald Knaus sieht als Gründe für den Rückgang der Asylbewerberzahlen nicht in erster Linie die verschärfte Regierungslinie und die Grenzkontrollen. Vor allem das Ende des Bürgerkrieges in Syrien 2024 habe dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr ihre Heimat verlassen. Entscheidend sei die Lage in den Herkunftsländern der Migranten, so Migrationsexperte Knaus. Die monatlichen Zahlen der Asylanträge seien vor und nach Einführung der verstärkten Grenzkontrollen im Mai gleichgeblieben, bei rund 9000 pro Monat.

"Die Nummer 1 Nationalität, die in den letzten 10 Jahren nach Deutschland gekommen ist, um Schutz zu beantragen, kommt nicht mehr. Das ist der große Wandel, der andauernde Folgen haben wird, wenn er anhält. Das ist sehr wenig und hat fast nichts mit Kontrollen an der deutsch-polnischen oder deutsch-österreichischen Grenze zu tun", sagte Gerald Knaus von der Denkfabrik "Europäische Stabilitätsinitiative" (ESI) der DW.

Rücknahmeabkommen der EU

Viel wichtiger als Grenzkontrollen und nationale Maßnahmen seien die Beschlüsse der Europäischen Union vom Dezember 2025, die es demnächst erlaubten, Abkommen mit Drittstaaten über die Rücknahme von Migranten zu schließen. Menschen, die zum Beispiel über Libyen nach Italien oder Griechenland einreisten, könnten ohne Asylverfahren in ein anderes Land in Afrika zurückgebracht werden. Das Prinzip funktioniere ähnlich dem Abkommen mit der Türkei zur Rücknahme von syrischen Flüchtlingen aus dem Jahr 2016.

"Wenn die EU diese Option nutzt, könnte die Zahl der Menschen, die heute noch auf der Mittelmeerroute irregulär unterwegs sind, drastisch sinken", empfiehlt Migrationsforscher Knaus. Die Menschen würden die Flucht über das Meer nicht wagen, wenn sie wissen, dass sie in der EU nicht bleiben können. Die Mittelmeerroute über Libyen ist nach Angaben der EU-Asylagentur in Malta  derzeit die am meisten genutzte und gleichzeitig auch die gefährlichste.

Das Ende des Bürgerkriegs in Syrien wirkt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im Rest Europas aus. Die Zahl der Erstanträge auf Asyl ist in der EU von Januar bis November vergangenen Jahres um 25 Prozent gesunken. Die Zahl der Rückführungen und Abschiebungen konnte nach Angaben des EU-Migrationskommissars Magnus Brunner um 20 Prozent gesteigert werden.

Abschiebungen nach Syrien "unrealistisch"

Mehr Abschiebungen von Migranten ohne Bleiberecht ist auch das Ziel der Regierungskoalition in Berlin. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will 2026 die Zahl der Abschiebungen von ausreisepflichtigen Menschen steigern. Im letzten Jahr waren es 21.500 (Januar bis November), ein Plus von 20 Prozent gegenüber 2024.

Dobrindts Partei CSU schlägt nun vor, syrischen Flüchtlingen in großer Zahl ihren Schutzstatus nicht mehr zu verlängern und sie nach Syrien zurückzuschicken. Migrationsforscher Gerald Knaus hält das für einen Vorschlag, der nicht einzuhalten wäre. Die syrische Regierung müsste dem zustimmen, zig Tausende Gerichtsverfahren in Deutschland wären vermutlich die Folge. "Die Erwartung, dass eine Menge Leute nach Syrien zurückgehen oder abgeschoben werden könnte, ist, bei allem was wir wissen, völlig unrealistisch. Es wird nicht passieren, selbst wenn es asylrechtlich vielleicht möglich wäre."